Das Geschäft mit der Sucht

Die Deutschen gehören zu den größten Schluckspechten in der Welt. Rund zehn Liter reinen Alkohol trinken wir pro Kopf im Jahr. Damit sind wir zwar noch nicht Weltmeister, aber hinter Luxemburg, Irland, Ungarn und Tschechien schon an fünfter Stelle weltweit.


Alkohol – ein wichtiger Wirtschaftsbereich in Deutschland

Da wundert es nicht, dass die Alkoholindustrie in Deutschland ein wichtiger Wirtschaftsbereich ist. Allein der Verkauf von Bier bescherte den deutschen Brauereien im Jahr 2009 einen Umsatz von rund 7,3 Milliarden Euro. Bier ist das am meisten getrunkene alkoholische Getränk in Deutschland, doch die Umsätze sind seit längerem rückläufig. Deshalb haben die Brauereien mit den etwas leichteren Biermixgetränken neue Möglichkeiten gefunden, den Bierabsatz wieder anzuheben. Die Absatzzahlen zeigen: Bier - mit Limonade, Cola oder anderen Softdrinks gemischt - verkauft sich gut. Seit 1998 ist der Absatz von 1,2 Million Hektoliter auf 4,1 Million Hektoliter gestiegen. Grund hierfür ist unter anderem eine ausgeklügelte Werbestrategie, die insbesondere auf jugendliche Käufer ausgerichtet ist.

Nach Bier ist in Deutschland Wein das beliebteste alkoholische Getränk: 20,7 Liter trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Hinzu kommen pro Kopf und Jahr etwa vier Liter Sekt und 5,5 Liter Hochprozentiges, wie Likör, Schnaps oder Wodka.

Mitte der 1990er Jahre kamen neue, bunt-poppige alkoholische Mischgetränke aus Limo und hochprozentigem Alkohol auf den deutschen Markt. Die so genannten Alcopops waren gerade bei Jugendlichen sehr beliebt: süß, lecker und günstig verführten sie zum Alkoholkonsum. Die Wirkung des Alkohols wurde dabei häufig völlig unterschätzt. Im Jahr 2004 wurde daher vom Staat die Alcopopssteuer eingeführt, die zu einer deutlichen Verteuerung der Limo-Spirituosen-Mischungen führte. In der Folge brach der Absatz an Alcopops stark ein.


Finanzielle Schäden durch Alkohol

Die wirtschaftliche Bedeutung der Alkoholindustrie lässt sich auch an den Steuereinnahmen ablesen: Im Jahre 2008 wurden durch die Bier-, Schaumwein- und Branntweinsteuer etwa 3,3 Milliarden Euro in die Staatskasse gespült.

Die Einnahmen aus der Alkoholsteuer können aber die Folgekosten des in Deutschland weit verbreiteten Alkoholkonsums nicht tragen. Jährlich müssen etwa 24,4 Milliarden Euro aufgebracht werden, um die Kosten für alkoholbedingte ambulante und stationäre Behandlungen, für Berentungen, Arbeitsunfähigkeit oder frühzeitigen Tod zu decken.

Grund: Alkohol ist eine Droge. Der Konsum kann in eine Abhängigkeit führen, aus der man nur mit großer Mühe wieder herauskommt. Etwa 1,5 Millionen Menschen gelten in Deutschland als alkoholabhängig. Rund 9,5 Millionen Menschen trinken regelmäßig so viel Alkohol, dass sie Gesundheitsrisiken eingehen. Etwa 74.000 Menschen sterben jährlich an alkoholbedingten Erkrankungen – häufig in Kombination mit dem Risikofaktor Rauchen.

Fazit: Das Geschäft mit Alkohol – und auch mit der Sucht nach Alkohol – ist nur für die Alkoholindustrie und Werbebranche ein Gewinn, denn sie wollen Alkohol verkaufen! Für alle anderen gilt: Wer beim Alkoholkonsum nicht im Limit bleibt, zahlt doppelt - mit seinem Geld und mit seiner Gesundheit. Quelle: DHS

 

Das dies von der Industrie selbstverständlich differenziert betrachtet wird, verwundert nicht. Da wir in einer Demokratie mit freier Meinungsäußerung leben, darf diese Interessengruppe auf dieser Webseite ebenso zu Wort kommen:


Profit vs. Verantwortungsbewußtsein

Dass es in Millionen von Menschen gibt, die ihren Alkoholkonsum nicht unter Kontrolle haben, ist allseits bekannt. Allerdings wird die Problematik von vielen tot geschwiegen. Zum einen gestehen sich Alkoholiker ihre Krankheit nicht gerne ein; auf der anderen Seite gibt es wirtschaftliche Interessen, die ebenfalls Stillschweigen bedingen. Denn dass Profiteure von übermäßigem Alkoholkonsum eines Großteils der Bevölkerung nicht lautstark nach Aufklärungskampagnen und anderen Maßnahmen gegen den Alkoholismus schreien werden, liegt auf der Hand.

Durch das in den letzten Jahren immer stärker zutage tretende Gesundheitsbewusstsein, das auch Ausdruck des medizinischen Forschungs-Fortschritts ist, geht die Entwicklung erfreulicherweise in eine andere Richtung. Die Politik kann das Phänomen des Alkoholismus nicht mehr einfach als Nebenerscheinung unserer Gesellschaft abtun, sondern muss Überlegungen anstellen, wie gegen die Alkohol-Problematik vorgegangen werden kann. Das dies nicht immer einfach ist, sieht man deutlich am Beispiel des diskutierten Werbeverbotes für alkoholische Getränke in der EU. Es bleibt abzuwarten, für wen sich letztlich die Volksvertreter entscheiden: Für das Wohl des Volkes oder für den Profit einiger, milliardenschwerer Konzerne, die sich in der Hand einer handvoll Investoren befinden. Deren Lobbyisten leisten auf jeden Fall zweifelhafte (aber leider wirksame) Arbeit.

 

Und dann sind da noch die Verkäufer. Heute ist Alkohol überall zu haben. Beim Discounter und im Supermarkt, per online-Bestellung und an der Tankstelle. Alle übergeordneten Bereiche wie Distribution, Großhandel, Weiterverkäufer mischen kräftig mit. Ein Milliardengeschäft, welches primär als gesundheitsschädlich einzustufen ist, da ein grosser Teil der Bevölkerung den Substanzgebrauch nicht mehr kontrollieren kann.

 

Für diese Konsumentengruppe legen sich die Einzelhändler zusätzlich gerne ins Zeug:

 

Nach Wurst, Kaffee und Milchprodukten folgte im Mai 2014 die nächste Runde im Preiskampf der Lebensmittel-Discounter.
Aldi senkte die Preise von Alkohol. Insgesamt sind neun Produkte bei Aldi Süd betroffen – darunter viele Weine. Zudem wird der Sechserträger Weißbier um 20 Cent billiger. Die Preissenkung dürfte Auswirkungen auf den gesamten Einzelhandel haben. Sicher wird die Konkurrenz in Kürze nachziehen. Hier treffen Profitgier und Verantwortungslosigkeit unvermittelt aufeinander.

 

Aldi Süd verkauft seit November 2014 neue alkoholische Getränkemarken: Baileys, Chantré, Jägermeister, Ramazzotti und Wodka Gorbatschow. Das ist keine kurze Phase. Der Discounter nimmt die Marken-Produkte nach eigenen Angaben dauerhaft in sein Sortiment auf. Damit reagiere Aldi Süd "auf die gestiegene Kundennachfrage nach einer Sortimentsergänzung". Aldi wechselt aber nicht seine Strategie und stellt klar, dass man aber seine gewohnte Strategie, Eigenmarken in guter Qualität zu günstigen Preisen anzubieten, nicht wechseln werde.

 

Ergänzend sei zu bemerken, dass Aldi mit seiner Strategie nicht alleine steht: Auch andere Handelsriesen wie die Edeka-Gruppe, REWE,  Schwarz-Gruppe, Metro-Gruppe, Lekkerland, Tengelmann und anderen ist es wichtig, mit Be-Rauschmitteln viel Geld zu verdienen.


Randnotiz:

In Deutschland sind Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im EU-Vergleich relativ teuer: Sie kosten neun Prozent mehr als im Schnitt. Weniger kostet Alkohol und Tabak, nämlich minus 11%.


Der Staat verdient mit

Alkohol. Ein lohnenswertes Laster. Egal ob Bier, Sekt, Wein oder Schnaps. Jedes Glas lässt sie klingeln. Die Kassen. Die des Wirtes, des Großhändlers, des Produzenten. Und die des Staates. Der Finanzminister freut sich sogar gleich doppelt. Für ihn gibt es nicht nur die Mehrwertsteuer. Auch der Alkohol selbst wird besteuert.


Einnahmen aus alkoholbezogenen Steuern (in Mio. €, Veränderung gegenüber Vorjahr)


2000

2005

2010

2011

2012

Biersteuer

844

777

713

702 (-1,5%)

697 (-0,7%)

Schaumweinsteuer

478

424

422

454 (+7,6%)

450 (-0,9%)

Branntwein- und Zwischenerzeugnissteuer*

2.185

2.179

2.014

2.167 (+7,6%)

2.138 (-1,3%)

Alkoholsteuern insgesamt*

3.507

3.380

3.149 (-4,7%)

3.323 (+5,5%)

3.284 (-1,2%)

* Seit 1994 werden Zwischenerzeugnisse (hierunter fallen z.B. auch Sherry, Portwein, Madeira) separat besteuert. In den Jahren vor 1994 wurde die Verbrauchssteuer für die entsprechenden Alkoholika als Branntweinsteuer erfasst. Die Einnahmen ab 2005 beinhalten die Alkopopsteuer. Quelle: Bundesministerium der Finanzen (2013): Kassenmäßige Steuereinnahmen nach Steuerarten in den Kalenderjahren 2010-2012. Berlin.


Privatinstitute, Labore und Psychologen

In der Gebührenordnung liegt der Grundsatz für eine MPU wegen Alkoholvergehen bei 338,00 Euro netto. Doch dazu kommen meist weitere Kosten für Gutachten und Screening. Die Kosten erhöhen sich ebenfalls, sind mehrere Vergehen miteinander verbunden.

Folgende Beispiele (inklusive Mehrwertsteuer) verdeutlichen die Kosten:

  • € 402,22 für die MPU aufgrund von Fahren unter Alkoholeinfluss
  • € 575,96 bei Alkoholauffälligkeit und zu hohem Punktekonto
  • € 755,65 wegen Fahren unter Drogen- und Alkoholeinfluss

Zusätzlich können im Vorfeld der MPU EtG-Urintests* und EtG-Haaranalysen* anfallen, die ebenfalls den Griff in den Geldbeutel bedeuten. Allgemein ist zu beachten: Diese Kosten fallen bei jeder medizinisch-psychologischen Untersuchung an. Wird der erste Versuch nicht bestanden, müssen Sie beim zweiten Mal in voller Höhe erneut gezahlt werden. Rabatte gibt es hier nicht.

 

MPU-Gruppenkurse kosten zwischen € 500.- und € 600.-, je kleiner die Gruppe, desto teurer das Angebot. Einzelberatungsangebote können bis zu € 1.500.- kosten. Eine Stunde beim Verkehrspsychologen liegt zwischen € 80.- und € 150.-.

*Zum Thema EtG-Kontrolle:

Stutzig macht allein schon die Tatsache, das mit der Einführung der Tests ein Markt von geschätzten 15 Millionen Euro eröffnet wurde (ca. 100.000 MPUs pro Jahr, bei der Hälfte wird vermutlich eine EtG-Kontrolle angeordnet, im Schnitt 5 Tests à € 60.- sind ein eher vorsichtiger Durchschnittswert).

 

Dass die Labordiagnostik begriffen hat, das hier ein lukrativer Markt entsteht, wird daran deutlich, dass auch niedergelassene Verkehrspsychologen vermehrt Mails, Schreiben und Anrufe mit entsprechenden Angeboten erhalten. Zum anderen bedeutet dies, dass sich für viele Betroffene die Kosten einer MPU faktisch verdoppeln werden.

 

Berufsständisch betrachtet droht die Gefahr, dass sich gerade finanziell schwächer gestellt Menschen entscheiden müssen: Gebe ich das Geld für eine professionelle Hilfe zur Verhaltensänderung aus oder für Laborwerte – da letztere verpflichtend gefordert werden, ist die Entscheidung klar. Für 15.000.000 Euro könnten jedes Jahr gut die Hälfte aller negativ begutachteten Alkoholauffälligen eine therapeutische Einzelmaßnahme erhalten.


Quelle: vpp.de, Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Hamburg