Schweinehund vs. besseres Leben

Den sogenannten inneren Schweinehund zu überwinden und regelmäßig Sport zu treiben, fällt vielen Menschen schwer. Wie viel Überwindung muss dies erst Menschen mit Depressionen kosten? Doch abgesehen von den positiven Auswirkungen auf die körperliche Fitness und das Gewicht kann regelmäßige Bewegung aber gerade Menschen mit gedrückter Stimmung helfen, wie eine aktuelle Cochrane-Analyse zeigt. Danach hat körperliches Training einen zumindest moderaten Effekt bei Depressionen.


In der aktuellen Arbeit hatten die Forscher 39 Studien mit 2326 Teilnehmern, bei denen eine Depression diagnostiziert worden war, analysiert und ausgewertet. In 35 Studien, die Trainingsgruppen mit Kontrollgruppen verglichen, zeigten sich Effekte. Diese waren ähnlich groß wie bei Psychotherapie oder der Einnahme von Medikamenten.


Die positive Wirkung der körperlichen Aktivität auf das seelische Wohlbefinden erklären Experten durch die vermehrte Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn, die sich positiv auf die Stimmung auswirken, und die verminderte Freisetzung von Botenstoffen des Immunsystems, denen eine negative Wirkung auf Depressionssymptome zugeschrieben wird.


Darüber hinaus mache das Erreichen von selbstgesteckten Zielen – auch kleinen – zufrieden. Die positiven Auswirkungen des Sports auf Figur und körperliche Fitness könne auch zu mehr Selbstvertrauen führen, erklären Wissenschaftler der Mayo Clinic in Rochester in einem Ratgeber für Betroffene. Beim Sport werde außerdem das Karussell negativer Gedanken gestoppt, das vielen Depressionserkrankten zu schaffen macht. Und nicht zuletzt bieten viele sportliche Aktivitäten die Gelegenheit zu sozialem Kontakt und Austausch.


Dabei bedeutet körperlich aktiv zu sein, nicht zwangsweise zum Joggen, Zumba-Tanzen oder ins Fitnessstudio gehen zu müssen. Auch Gartenarbeit, ein Spaziergang oder das Waschen des Autos seien mögliche Aktivitäten, die den Körper in Schwung und die Seele wieder mehr ins Gleichgewicht bringen könnten, empfehlen die US-amerikanischen Experten.


Auch müssten Depressionspatienten nicht auf der Stelle zu Leistungssportlern werden. Vielmehr sei es hilfreich, zu überlegen, wie sich der normale Alltag etwas sportlicher gestalten lasse, beispielsweise durch Treppensteigen, Fahrradfahren oder einen Fußmarsch zum Bäcker. Wichtig dabei: Das Projekt „mehr Bewegung“ müsse allerdings langfristig angelegt sein, um seine positiven Effekte entfalten zu können. Umso wichtiger ist es daher, Aktivitäten zu finden, die den Betroffenen Spaß machen, die (ersten) Ziele nicht zu hoch zu stecken und sich von Rückschlägen bei der Umsetzung der Pläne nicht abschrecken zu lassen, raten die Experten.


Quellen: Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, 9. DOI: 10.1002/14651858.CD004366.pub6; Mayo Clinic Rochester


Alkoholmissbrauch hat eine sehr störende Wirkung auf den circadianen Rhythmus (Tag-Nachtrhythmus), aber Störungen des circadianen Rhythmus’ können auch zu Alkoholmissbrauch und zu einem Rückfall bei abstinenten Alkoholikern führen. Die circadiane zeitliche Anpassung wird bei Säugetieren durch Licht und andere Einflüsse wie Essen, soziale Interaktionen und körperliche Aktivität reguliert.


Eine neue Studie über den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Radlaufen bei Hamstern hat gezeigt, dass Sport eine effektive Methode sein könnte, um den Alkoholkonsum bei Menschen zu reduzieren.


Die Ergebnisse wurden in der Ausgabe des Journals Alcoholism: Clinical & Experimental Research veröffentlicht.


„Die Kennzeichen von Alkoholmissbrauch sind ein Verlangen nach und Konsum von Alkohol, die zur Gewohnheit werden, und dass ein Mensch ohne Alkohol im Alltag nicht mehr normal zurechtkommen kann. Er wirkt sich störend auf die zeitliche Anpassung und Stabilisierung der circadianen Tagesrhythmen aus – wann wir schlafen, essen und Sex haben – die von der circadianen Uhr im Gehirn bestimmt werden”, erklärt der Leiter der Studie J. David Glass, Professor für Biowissenschaften an der Kent State University in den USA.


„Wenn sie ständig Alkohol zu sich nehmen, können Leute zu früh oder zu spät ins Bett gehen, die Nacht nicht durchschlafen und ungewöhnliche Essgewohnheiten entwickeln wie tagsüber wenig essen und/oder spät abends zu viel essen. Das kann bei ihrem Trinkverhalten zu einem Teufelskreis führen, weil diese Leute mit erhöhtem Alkoholkonsum reagieren, um besser einzuschlafen, nur um dann über noch schlechteren Nachtsschlaf zu klagen und außerdem ein stärkeres Verlangen nach Alkohol zu haben”, sagt Glass.


Mit anderen Worten, sagt Alan M. Rosenwasser, Professor für Psychologie an der University of Maine in den USA, chronischer Alkoholmissbrauch und ein gestörter circadianer Rhythmus stehen in einem destruktiven Verhältnis zueinander und haben negative Auswirkungen auf die körperliche und emotionale Gesundheit. „Daher ist es sehr interessant, dass der Zugang zu Laufrädern und anderen Arten freiwilliger körperlicher Betätigung bei Tierexperimenten zu einem wichtigen Umweltfaktor geworden sind, der die Gesundheit des Gehirns, circadiane Rhythmen und das emotionale Wohlbefinden beeinflusst”, sagt er.


Glass stimmt dem zu weist darauf hin, dass körperliche Betätigung wichtig für die lichtunabhängige Regulation der circadianen zeitlichen Anpassung ist. „Wenn man die körperliche Aktivität von Tieren einschränkt”, sagt er, „zum Beispiel indem man ihnen wie in dieser Studie kein Laufrad gibt, hat das eine eindeutig stimulierende Wirkung auf ihren Alkoholkonsum.”


In ihrer Studie untersuchten Glass und seine Mitarbeiter drei Faktoren: den Einfluss des Radlaufens auf den chronischen freiwilligen Konsum von Trinkwasser mit Alkohol (20 Volumenprozent); den Einfluss des Alkoholkonsums auf das Radlaufen bei Hamstern, die vorher noch nie Alkohol getrunken hatten; und den Einfluss von Dauerlicht (LL) sowohl auf den Alkoholkonsum als auch auf das Radlaufen.

„In dieser Untersuchung stellten wir fest, je mehr die Hamster liefen, desto geringer war ihr Alkoholkonsum”, sagt Glass. „Die ,fauleren’ Hamster, die nicht so viel liefen, hatten ein größeres Verlangen nach Alkohol und tranken mehr. Das zeigt, dass körperliche Betätigung eine effektive, nützliche und nicht-medikamentöse Behandlungsmethode für Alkoholismus sein könnte.”


„Alkoholkonsum und freiwillige körperliche Betätigung scheinen zwei Verhaltensweise zu sein, die von Natur aus belohnend sind”, fügt Rosenwasser hinzu, „und die belohnenden Effekte dieser beiden Verhaltensweisen könnten teilweise austauschbar sein. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die beiden Verhaltensweisen von überlappenden Systemen im Gehirn reguliert werden.”


Glass ist auch dieser Meinung und merkt an, dass körperliche Betätigung scheinbar ähnliche Veränderungen der Gehirnchemie wie Alkohol hervorrufen kann. „Dopamin ist die wichtigste chemische Substanz, die im Gehirn als Antwort auf jede Art von Belohnung wie Sport, Drogen, Essen und Sex freigesetzt wird”, sagt er. „Für Menschen könnte Sport ein effektiver, nützlicher und auf natürliche Weise belohnender Ersatz für jede Art von Sucht sein. Er könnte auch das Suchtrisiko bei Menschen mit einer Familiengeschichte von Sucht vermindern und außerdem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Störungen der Stimmungslage erheblich senken. Aber wie bei allen Belohnungen sollte man Sport in Maßen treiben, sodass er das normale Alltagsleben eines Menschen nicht beeinträchtigt.”


Ein zweites wichtiges Ergebnis war, dass Hamster, die empfindlicher auf den störenden Einfluss von Dauerlicht auf circadiane Rhythmen reagierten, auch ein geringeres Verlangen nach Alkohol hatten. „Daher könnte es eine genetische Veranlagung geben, die Alkoholabhängigkeit und –missbrauch zugrunde liegt und sich unter Bedingungen zeigt, die den circadianen Rhythmus stören”, sagt Glass, „wie Schichtarbeit, Schlafstörungen oder wiederholter Jetlag.”


„Mehrere Forschungsgruppen haben in letzter Zeit ein Interesse für die Zusammenhänge zwischen circadianen Uhren, Sport und Alkohol- und Drogenmissbrauch entwickelt”, sagt Rosenwasser. „Im Allgemeinen haben die Untersuchungen auf diesem Gebiet gezeigt, dass Alkoholmissbrauch einen sehr störenden Einfluss auf biologische Rhythmen haben kann, dass diese Störungen späteren Alkoholmissbrauch begünstigen können, und dass Sport ein wichtiger Umweltfaktor ist, der sowohl circadiane Rhythmen als auch den Alkoholkonsum beeinflusst. Diese Studien haben zu mehreren neuen Richtungen in der Alkoholforschung geführt und geben Anlass zu der Hoffnung, dass Behandlungsmethoden entwickelt werden können, die von circadianen Rhythmen und/oder Sport Gebrauch machen, um das Management der ernsten und behindernden Begleiterkrankungen von exzessivem Trinken zu verbessern.”


„Viele in der Öffentlichkeit aber auch viele Ärzte betrachten Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht immer noch als Charakterschwäche und mangelnde ,Willensstärke’”, sagt Rosenwasser. „Ergebnisse wie diese helfen, Alkoholmissbrauch-Erkrankungen in einen weiteren biologischen Kontext zu stellen, und zeigen, dass sowohl physiologische als auch Umweltfaktoren zu exzessivem Alkoholkonsum beitragen. Deshalb müssen diese physiologischen und Umweltfaktoren untersucht werden, um Alkoholmissbrauch und andere Formen exzessiven Verhaltens effektiv kontrollieren zu können.”