Alkohol in der traditionellen chinesichen Medizin

Entwurf - Text von Dr. Ralph Raben Hamburg, Facharzt für Gynäkologie, Psychosomatik, Suchtmedizin.


Die meisten chronischen Alkohol- oder Drogenkranken zeigen Symptome von überschießendem Yang, sowohl im täglichen Leben wie in der Entzugsbehandlung: Schlafstörungen, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen, diffuse Schmerzen, Muskelzittern, extreme innere Unruhe, zeitweilig übermäßige Aggressivität, Ängstlichkeit, nicht selten sehr viele Worte (manchmal wirre Sprache).


Diese Symptomatik wird in der Chinesischen Medizin mit der treffenden Metapher „Leere Feuer“ oder „kaltes Feuer“ bezeichnet: ein Feuer, das nicht wärmt.


Der Grund für die überschießende, oft exzessive Symptomatik liegt regelmäßig in einer Schwäche des Patienten, in einer Leere und nicht in einer Fülle. Die Yin-Struktur und die Yin-Funktionen verschiedener Organe/Funktionskreise werden – je nach individuellem Fall – durch den chronisch chaotischen Lebensstil, den chronischen Konsum der Stoffe, den Verlust von Strukturen (Familie, Arbeit, soziale Bezüge, Wohnung), den Ernährungsmangel „Milz“ nach und nach geschwächt. So finden wir insgesamt eine Schwäche von Yin-Funktionen: vor allem der ruhige, innere Tonus geht den Menschen verloren. Oft beginnt der Prozess schon in Kindheit und Jugend, oder es wird schon früh die Disposition dafür erworben.


Fast alle Alkohol- und Drogenpatienten haben Erfahrungen massiver seelischer oder körperlicher – oft sexueller – Gewalt in ihrer Anamnese. Die traumatische Erfahrung von Gewalt löst Angst und Schrecken aus und greift massiv das „Herz“ an (schwächt den „shen“, den Geist, die Seele) und die „Niere“.


Angst, Bedrohung und Hilflosigkeit rufen natürlicherweise Aggressionen hervor und erzeugen Wut und Zorn, wenn sich der junge Mensch nicht wehren kann oder darf (z.B. weil das ganze innerhalb der Familie stattfindet).


Diese Situation führt auf Dauer zu Selbstverachtung und Selbstentwertung und – gemäß der Chinesischen Medizin – zu einer Schwächung der „Leber“. Trauer über diese Erlebnisse wird in Gewaltfamilien, aber auch bei posttraumatischer Belastungsstörung regelmäßig verdrängt und unterdrückt. Damit bleibt das vergangene Trauma nicht hinter einem und wird nicht abgeschlossen – die „Lungenfunktion“ des Ausatmens und Entgiftens). Daher kann Neues nicht entstehen, die Entwicklung der Person stagniert (chinesisch „Lungenschaden“). Viele dieser Patienten verharren im seelischen Entwicklungszustand eines Kindes oder in der Pubertät.