Statistische Klassifikation


In den Klassifizierungssystemen ICD-10 und DSM-5 wird unterschieden zwischen Abhängigkeitssyndrom und schädlichem Gebrauch von Alkohol/Alkoholmissbrauch. Letzteres bezeichnet – als schwächere Variante des Missbrauchsverhaltens – einen Alkoholkonsum mit nachweislich schädlicher Wirkung (körperlich oder psychisch), ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.

 

Diagnose nach ICD–10

Psychotherapeuten orientieren sich bei der Diagnose psychischer Störungen in aller Regel an den gängigen Klassifikationssystemen ICD-10 GM oder DSM-5.


Die ICD-10 definiert sechs Kriterien, von denen drei oder mehr mindestens einen Monat lang (oder bei kürzerer Dauer: innerhalb eines Jahres wiederholt) gleichzeitig vorhanden sein müssen, um die Diagnose eines Abhängigkeitssyndroms stellen zu können:

  • Starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren (Craving).
  • Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Menge, Beginn oder Ende des Konsums (d. h. es wird oft mehr Alkohol oder über einen längeren Zeitraum konsumiert als geplant, oder es bestehen der anhaltende Wunsch oder wiederholte Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren).
  • Körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder Konsumreduktion.
  • Nachweis einer Toleranz (um die gewünschte Wirkung hervorzurufen, sind zunehmend größere Mengen an Alkohol erforderlich, oder es treten bei fortgesetztem Konsum der gleichen Menge deutlich geringere Effekte auf).
  • Einengung auf Alkohol, d. h. Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums, oder ein erhöhter Zeitaufwand, die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.
  • Anhaltender Substanzkonsum trotz eindeutig schädlicher Folgen (wie z. B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Alkoholkonsums oder eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen), obwohl der Betroffene sich über die Art und das Ausmaß des Schadens bewusst ist oder bewusst sein könnte.

Im Gegensatz zu früheren ICD-Versionen müssen die „klassischen“ Symptome der körperlichen Abhängigkeit, d. h. Toleranz und Entzugserscheinungen nicht mehr unbedingt vorhanden sein, wenn ausreichend andere Symptome zutreffen.

 

Schädlicher Gebrauch von Alkohol

Vom Abhängigkeitssyndrom unterschieden wird der schädliche Gebrauch von Alkohol (oder Alkoholmissbrauch). Diese Diagnose wird vergeben, wenn bisher kein Abhängigkeitssyndrom vorliegt, jedoch dem Betroffenen (oder seinem sozialen Umfeld) körperliche oder psychische Schäden durch seinen Alkoholkonsum entstanden sind (z. B. Unfall). Hierunter fallen auch negative Konsequenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen infolge von eingeschränkter Urteilsfähigkeit oder problematischem Verhalten des Betroffenen. Für die Diagnose muss das schädliche Gebrauchsmuster seit mindestens einem Monat bestehen oder über ein Jahr hinweg mehrfach aufgetreten sein.

 

Akute Alkoholintoxikation (akuter Alkoholrausch)

Eine akute Alkoholintoxikation wird festgestellt, wenn akute Beeinträchtigungen des Bewusstseins, der Kognition, der Wahrnehmung, der Affekte oder des Verhaltens vorhanden sind, die eindeutig auf die Wirkung von Alkohol zurückgeführt werden können. Für die Diagnose muss mindestens eine der folgenden Verhaltensauffälligkeiten beobachtet worden sein:

  • Enthemmung
  • Streitlust
  • Aggressivität
  • Affektlabilität
  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Einschränkung der Urteilsfähigkeit oder
  • Beeinträchtigung der persönlichen Leistungsfähigkeit

Zudem muss mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegen:

  • Gangunsicherheit
  • Standunsicherheit
  • verwaschene Sprache
  • Nystagmus (ruckartige Augenbewegungen)
  • Bewusstseinsminderung (z. B. Somnolenz, Koma)
  • Gesichtsröte (Erröten)
  • Bindehautrötung (konjunktivale Injektion)
  • Eine schwere Alkoholintoxikation kann auch mit Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Hypothermie (Unterkühlung) und einem abgeschwächten Würgereflex einhergehen

 

Kommen bei einer akuten Vergiftung Komplikationen hinzu (z. B. Verletzungen, Aspiration von Erbrochenem, Delir, Wahrnehmungsstörungen, Koma), spricht man von einem komplizierten Rausch. Die Art der Komplikation wird im ICD-10 an fünfter Stelle (F10.0x) codiert.

 

Von einem pathologischen Rausch (pathologische Alkoholintoxikation) spricht man, wenn die Alkoholintoxikation bereits bei einer Trinkmenge auftritt, die bei den meisten Menschen keine Intoxikation hervorruft (unter 0,5 Promille) und mit verbaler Aggressivität oder körperlicher Gewalt einhergeht, die für denjenigen untypisch ist. Eine organische Hirnschädigung oder eine andere psychische Störung darf nicht vorliegen (in diesem Fall sollte eine entsprechende andere Diagnose vergeben werden).

 

Weitere diagnostische Kategorien im Zusammenhang mit Alkohol

Alkoholentzugssyndrom ohne bzw. mit Delir

Psychotische Störung: Halluzinationen und/oder Wahnvorstellungen, die innerhalb von zwei Wochen nach dem Alkoholkonsum auftreten. Diese Symptome halten jeweils nicht länger als 48 Stunden an und treten über einen Zeitraum von maximal einem halben Jahr auf (ansonsten handelt es sich um eine andere Erkrankung, z. B. eine Schizophrenie).

 

Amnestisches Syndrom (auch: Korsakow-Syndrom): Störungen im Bereich des Kurz- und Langzeitgedächtnisses. Eine Störung des Immediatgedächtnisses (z. B. unmittelbares Merken von Zahlen), ein Delir oder ein allgemeiner intellektueller Verfall (Demenz) liegen nicht vor.

 

Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung: Hierunter fallen Störungen im Zusammenhang mit Alkohol wie z. B. das chronische hirnorganische Syndrom bei Alkoholismus, Demenz und andere leichtere Formen anhaltender Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten, anhaltende Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen, aber auch verzögert auftretende psychotische Störungen oder Nachhallzustände (Flashbacks).