Der Kontrollversuch ist der Kontrollverlust

Alkoholabhängige "haben den Kontrollverlust", Nicht-Abhängige haben ihn nicht.
Diese Entweder-oder-Annahme ist weit verbreitet. Was aber ist unter "Kontrollverlust" zu verstehen? Was völlig einfach klingt und klar zu sein scheint, ist es gar nicht: Der Begriff "Kontrollverlust" wird nämlich äußerst vage und meist vorwissenschaftlich-umgangssprachlich benutzt. Bei näherem Besehen gibt es mindestens zwei Sichtweisen von Kontrollverlust (vgl. Heather & Robertson, 1983):

Der Kontrollverlust tritt ein nach dem Konsum kleinster Alkoholmengen.

Den Abhängigen treibt ein „starkes Verlangen“ zu weiterem Trinken von Alkohol, bis er berauscht ist oder bis ihn innere bzw. äußere Umstände zwingen, mit dem Trinken aufzuhören. Kontrollverlust bedeutet also nicht, dass jeder Alkoholgenuss bei den Betroffenen zwangsläufig mit einem Rausch endet, sondern zeigt an, dass die Fähigkeit verloren gegangen ist, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Situation mit dem Trinken aufhören zu können. In den meisten Fällen wird der Abhängige allerdings heimlich bis zur Bewusstlosigkeit trinken.

  • Da das Trinken ausreichender Mengen Alkohol in Gesellschaft oftmals nicht möglich ist, steigt der Abhängige zunehmend auf 'Hochprozentiges' um
  • Bei gesellschaftlichen Anlässen, Treffen mit Freunden usw. wird der Alkoholkonsum dagegen meist sogar reduziert und nicht mehr zum Thema gemacht, um nicht aufzufallen (eines der deutlichsten Anzeichen einer beginnenden Sucht)
  • Viele Alkoholkranke kommen bereits alkoholisiert zu Verabredungen und trinken heimlich weiter

Die Gedanken kreisen nun fast ständig um Alkohol. Der Alkoholabhängige ist darauf bedacht, in jedem Moment Zugang zu Alkohol zu haben, wenn er ihn benötigt.

  • Er legt Notrationen an
  • Er versteckt Flaschen in der Wohnung und außerhalb (Garten, Park, Fahrzeug, Firma)
  • Er trägt Flachmänner bei sich
  • Er ist immer darum bemüht, sein Trinkverhalten noch "normal" erscheinen zu lassen
  • Eingekauft wird an wechselnden Orten (Einkaufs-, Getränkemarkt oder Tankstelle) um nicht als "regelmäßig" aufzufallen
  • Ein weiterer, kreativer "Trick": Man lässt sich die Flasche Hochprotzentiges an der Kasse als Geschenk einpacken. Selbstverständlich nicht für sich selbst...

Nach einer zweiten Theorie des Kontrollverlusts, der wahrscheinlichkeitstheoretischen, gibt es nicht "den" Kontrollverlust, sondern nur ein Mehr oder Weniger an Kontrollaufgabe ("impaired control"; Heather, Tebbutt, Mattick & Zamir, 1993). Mit dieser Sichtweise, die bei der Mehrzahl der Vertreter des Kontrollverlust-Paradigmas vorzuherrschen scheint (wenn auch sehr vage und meist in nicht klar formulierter Form), hat man aber das dispositionelle Krankheitsdenken bereits verlassen - denn es wird die Entweder-Oder-Position ("Alkoholiker erleben den Kontrollverlust, Nichtalkoholiker erleben ihn nicht") zugunsten eines kontinuierlich ausgeprägten Merkmals "Kontrolleinbuße" aufgegeben.


Autor: GK Quest Akademie GmbH


Kontrollverlust - neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Zu viel Alkohol schädigt das Gehirn. Wie das passiert, welche Mechanismen diese Schädigung verursachen – darüber ist nur wenig bekannt. Aktuelle Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe Molekulare Psychopharmakologie des Instituts für Psychopharmakologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim ermöglichen nun wichtige neue Einblicke in die molekularen Grundlagen solcher Alkoholschadenseffekte. Die Untersuchungen zeigen, dass wiederholter starker Alkoholkonsum zu einer erheblichen und dauerhaften Umstrukturierung der präfrontalen Großhirnrinde führt. Diese Hirnregion fungiert als exekutives Zentrum, das beispielsweise der Aufmerksamkeitssteuerung, der Kontrolle von Motivationen und Emotionen sowie dem situationsangepassten Handeln dient.


Die Arbeitsgruppe Molekulare Psychopharmakologie, unter der Leitung von PD Dr. Wolfgang H. Sommer, erforscht genetische, neurobiologische und verhaltenspsychologische Einflussfaktoren, die bei Suchtverhalten eine Rolle spielen. Die Wissenschaftler konzentrieren sich dabei auf die Untersuchung der Langzeitfolgen von Alkohol auf das Gehirn, insbesondere auf solche Effekte, welche die Funktion des präfrontalen Kortex (PFC) beeinflussen. Im Februar veröffentlichte das Journal of Neuroscience die Ergebnisse einer neuen Studie der Arbeitsgruppe. Die Studie zeigt, dass Alkohol speziell einen kleinen Teilbereich des PFC, das sogenannte infralimbische Areal, schädigt. Bei Ratten kann der daraus resultierende Funktionsverlust repariert werden, wodurch diese wieder die volle Kontrolle über ihr Alkoholsuchverhalten erlangen.


Aus der Studie geht hervor, dass eine bestimmte Gruppe von Neuronen im PFC sehr empfindlich auf Alkohol reagiert, wenn dieser wiederholt in Konzentrationen verabreicht wird, die üblicherweise bei Alkoholikern auftreten (>2,5 Promille über mehrere Stunden). Diese Neuronen behalten langfristige Folgeschäden, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass sie die Freisetzung des Botenstoffs Glutamat nicht mehr angemessen regulieren können. Zurückzuführen ist dies auf eine mangelnde Autorezeptorfunktion, die normalerweise durch Glutamatrezeptoren vom Typ mGluR2 ausgeübt wird. Das Team um Wolfgang Sommer kann diesen Funktionsverlust direkt mit Suchtverhalten in Verbindung bringen. Es wurde gezeigt, dass die Wiederherstellung des mGluR2-Niveaus im infralimbischen Kortex alkoholabhängiger Ratten ausreichend ist, um deren übermäßiges Bedürfnis nach Alkohol wieder zu normalisieren. Diese Ergebnisse scheinen auch für die Alkoholsucht bei Menschen von Bedeutung zu sein. In Autopsiematerial von Alkoholikern fanden die Forscher in der entsprechenden Hirnregion ebenfalls erniedrigte mGluR2 Werte.


Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Alkoholabhängigkeit nicht nur zu einer Abnahme von mGluR2 Rezeptoren in neuronalen Netzwerken des PFC führt, sondern dass der dadurch verursachte Funktionsausfall bei Alkoholsüchtigen auch die Gefahr eines Rückfalls verstärkt. Die im Tiermodel aufgezeigte Möglichkeit einer Reparatur der mGluR2-Autorezeptorfunktion eröffnet neue therapeutische Perspektiven. Dazu ist es nötig, die molekularen Mechanismen zu erforschen, welche zur Blockade des Rezeptors führen. Ausgehend von der These, dass epigenetische Abschaltungsmechanismen in diesem Prozess eine Rolle spielen, sollen nun am ZI neue Methoden entwickelt werden, um die entsprechenden epigenetischen Abdrücke wieder zu entfernen. Insgesamt tragen diese Forschungsergebnisse zu einem besseren Verständnis von Alkoholwirkungen und Suchtmechanismen bei, was perspektivisch die Entwicklung neuer Therapieverfahren für diese Erkrankung fördert.


ZI Mannheim, 27.05.2013