Suchtverlagerung - die Dosis macht das Gift

Unter Suchtverlagerung (oder auch Abhängigkeitsverelagerung) versteht man das Ausweichen des Suchtkranken auf ein anderes Suchtverhalten als das ursprüngliche. Die eine Sucht wird durch eine andere ersetzt.

So hat beispielsweise ein Alkoholkranker, der zwar mit dem Trinken aufhört, dafür aber Medikamente konsumiert, seine Abhängigkeitserkrankung nicht zum Stillstand gebracht, sondern sie nur auf eine andere Substanz verlagert. Werden die Ursachen der Abhängigkeit nicht im Rahmen einer Psychotherapie aufgelöst ("Suchtstrukturen" in der individuellen Persönlichkeit), werden häufig andere Substanzen oder Tätigkeiten süchtig konsumiert bzw. ausgeübt und treten so an die Stelle der Ursprungssucht.


Welche Süchte werden "gerne" als Alkoholersatz ausgebildet:

  • Medikamentenabhängigkeit (manche Psychopharmaka, Schmerz- und Schlafmittel)
  • Nikotin, verstärkter Konsum oder Konsumbeginn
  • Koffein, plötzlich sind es viel mehr Tassen als zuvor
  • Drogen, eigentlich keine "Alternative"
  • Zuckerhaltige Ernährung (Schokolade, Kuchen, Limonade etc.) fördert die Dopamin- und Serotoninausschüttung
  • Arbeit (Workaholic) - Arbeitssucht verläuft übrigens in ähnlichen Phasen wie Alkoholsucht
  • Sport (versäumtes wird jetzt aufgeholt) - grundsätzlich nicht schlecht, jedoch nur langsam aufbauend
  • Kaufzwang - Das Kaufen löst kurzfristig Glücksgefühle aus. Danach folgt meist der depressive Absturz
  • Spielsucht - Entsteht oft aus Langeweile und beherrscht in kurzer Zeit den Betroffenen
  • Fernsehen - Durchschnittlicher Konsum in Deutschland: 221 Minuten pro Tag (2014)
  • Internet*
  • Sexualität (exzessives Ausleben)

* In der Altersgruppe zwischen 14 und 64 Jahren haben Schätzungen zufolge etwa 2,5 Millionen Deutsche einen "problematischen" Internetkonsum.


Suchtverlagerung kann Süchtigen als Ausrede vor sich selbst oder anderen Menschen dienen, um zu beweisen, das ja eigentlich kein Problem mehr vorliegt, die bisher als problematisch angesehene Verhaltenweise ist ja oberflächlich betrachtet "verschwunden". Häufig dienen übertriebene Tätigkeiten als betäubende Flucht vor der eigentlichen Ursache. Ein genaues Beobachten eventueller Verlagerungstendenzen ist deshalb sehr wichtig. Und die Suche nach der Ursache der Alkoholabhängigkeit bzw. des Alkoholmissbrauchs.


Suchtverlagerung bietet keine optimale Lebenslösung, wohl aber eine meist gesündere wenn auch süchtige Lebensmöglichkeit an. Vor diesem Hintergrund sei davor gewarnt, Suchtverlagerung nur anzuprangern. Dennoch wirkt sie langfristig meist ähnlich destruktiv wie die Primärsucht.