Mit mehreren Gläsern zur Abstinenz?

Cutdown-Drinking, eine Therapie für Alkoholabhängige, wurde von dem finnischen Forscher Univ.-Prof. Dr. David Sinclair entwickelt: Vor dem eigentlichen Entzug wird die Trinkmenge sukzessive reduziert und so eine Distanz zum Alkohol erreicht. In Wien wird diese Therapievariante am AKH angeboten.

Vorteile: Da die Trinkmenge bereits vor dem Entzug verringert wird, können Entzugssymptome und unangenehme Nebenwirkungen weitgehend vermieden werden. Darüber hinaus steht der Betroffene weniger unter Zwang, Experten sprechen von einer „humaneren Methode“.


Univ.Prof. Dr. Henriette Walter will sanften Entzug
von Werner Schneider, 2009

Mit der Schlagzeile „Die sanfte Art des Abgewöhnens: Ein Glas darf’s sein“ hat Claudia Richter, die Ressortleiterin Gesundheit der Tageszeitung die Presse, sicher viele, die wissen oder zumindest ahnen, dass sie ein Alkoholproblem haben, angesprochen und neugierig gemacht. Am Fallbeispiel einer 63-jährigen Wienerin wird erzählt, wie erfolgreich das sogenannte „Cut-down-Drinking“ sein kann. Mit kühnen Schlüssen: Hier und da ein Bier gehe schon. Auch bei einem Fest ein Glas Sekt sei o.k. Die Verfechterin der Methode, ao. Univ.Prof. Dr. Henriette Walter, Suchtexpertin am AKH Wien, nimmt im ausführlichen Gespräch mit „Alk-Info“ Stellung, warum sie dem Cut-down-Drinking gegenüber dem abrupten Entzug den Vorzug gibt.

Eine Faustregel besagt, dass nur 3% der Alkoholiker den Übergang zum kontrollierten Trinken schaffen.
Walter widerspricht heftig: „Das ist ein Blödsinn, stimmt alles nicht. Die Daten kennt kein Mensch, die Institutionen tun sich selbst sehr wenig evaluieren. Kalksburg macht das meines Wissens nicht. Ich habe zumindest noch nie solche Daten gesehen. Wir machen es von Zeit zu Zeit und schauen dann, wie viele bei uns abstinent bleiben nach einem Jahr.“

Vielmehr stelle sich die Frage, ob der/die AlkoholikerIn noch für andere Dinge als der Suche nach dem Rausch zu bewegen ist: „Die Frage ist immer: Sucht der etwas Dynamisches, die Frage geht weltweit dahin: Geht man auf Lebensqualität? Die Idee, dass man ein Suchtmittel völlig aufgibt, das ist die eine Therapie. Da hat man erkannt, dass das ein Blödsinn ist. Wenn es so leicht wäre, dann gäbe es keine Süchtigen. Die Frage ist, was ist das Zielkriterium? Ist das Zielkriterium Lebensqualität? Oder lebe ich einen Lebensstil wie zuvor, wo halt nur Alkohol das Thema war. Man schaut, was gibt’s für Lebensthemen in deren Leben. Wenn darin nur einiges vorkommt, was auch außerhalb vom Alkohol existiert, wenn jemand sagt, ich habe wieder meine Liebe fürs Kino entdeckt oder ich gehe gerne essen, dann ist eine Lebensqualität da, die nicht nur mit Suche nach Suchtmittel zusammenhängt.“

Falsche Hoffnungen
Also wenn nicht nur die Beschaffung von Alkohol das Leben diktiert (was übrigens bei Alkoholkranken sehr selten ist, die sind auf das nächste Glas fixiert), wie ist das dann mit dem „Ein Glas darf’s sein“? Hier räumt Prof. Walter mit falschen Hoffnungen auf: „Vom Alkoholiker zum Genusstrinker schafft es überhaupt niemand. Das Ziel ist immer die Abstinenz.“

Bei der Methodik gehen dann die wissenschaftlichen Schulen auseinander. Henriette Walter: „Die Frage ist, wie rasch man sich diesem Ziel nähert und mit welchen Methoden. Und die Frage ist, was ist sozusagen der Nachteil, auch die Medizin hat ihre Nachteile. Man muss immer vorsichtig sein, dass man nicht in gutem Willen auch Schaden anrichtet. Man weiß zum Beispiel aus den Tierversuchen, dass, wenn man den Alkohol sehr rasch absetzt und dann nach sieben oder acht Tagen den Alkohol wieder gibt – das wäre beim Menschen vergleichbar mit sieben, acht Monaten – dann trinken diese Ratten noch mehr als vorher. Das ist so ein Reaktionsmodell. Daher passt zum Konzept der Anonymen Alkoholiker, dass ich nicht einen Tropfen trinken darf. Denn wenn ich das Tiermodell jetzt umsetze auf das menschliche, rein von der Biologie einmal her, dann würde das sofort zu einem Rückfall führen, von daher haben die schon recht, mit ihrem eigenen Modell, das ist wie ein eigener Kosmos. Man muss einen völligen Paradigmenwechsel machen und von der Milchstraße in den Andromedanebel gehen, dann stimmt manches, was dort gestimmt hat, nicht mehr.“

Selbst entscheiden
Wie sieht das dann beim sanften Entzug mit dem einen Glas konkret aus?
Die Psychiaterin präzisiert: „Nein, nicht nur ein Glas, mehrere. Es geht nicht darum, dass jemand anderer kommt und sagt: ‚Sie dürfen jetzt nichts mehr trinken!‘ Es gibt Menschen, die haben das gerne, die hören auf das, was andere sagen und es gibt solche, die wollen das lieber selber entscheiden. Die, die lieber selber entscheiden, wann sie was machen, die machen lieber diese Methode. Die sind in einem anderen Therapieschema drinnen. Wenn ich den Alkohol nicht sofort wegnehme sondern die Menge des Alkohols reduziere, dann habe ich nicht diesen Rebound-Effekt (vor etwas zurückprallen) und um den geht’s mir, dass man den weg kriegt.“

Langzeitstudien gibt es laut Walter noch nicht, daher kann man über die Rückfallquote nicht all zu viel sagen: „Das werden wir sehen, wir machen das jetzt seit ungefähr einem Jahr, sobald ein Student bei uns auftaucht, der halbwegs brauchbar ist, werden wir es evaluieren. Das ist noch lange nicht abgeschlossen.“

In dem Presse-Artikel wird auch erwähnt, dass die Methode nicht für alle geeignet sei. „Genau, auch da schauen wir, für wen es geeignet ist und für wen nicht.“ Also ist auch das ist noch ein langer Erfahrungsprozess.

„Fehler liegt im plötzlichen Absetzen“
Prof. Henriette Walter, die auch Hypnose-Expertin ist, blickt entschlossen nach vorne: „Ja sicher, die gesamte Suchttherapie ist ein einziger Erfahrungsprozess. Wenn Sie mir einen einzigen sagen, der eine Lösung hat, super, möge vortreten! Das ist jetzt ein völlig neuer Ansatz, wo man sagt o.k., man erzeugt nicht mehr dieses künstliche ‚Du darfst nie mehr trinken, weil du den Alkohol abgesetzt hast.‘ Ich mache einen Entzug durch und dadurch kriege ich den Rebound-Effekt. Das ist eine Folge der Therapie, ich setze den Alkohol mit einem Schlag ab, dadurch werden die Nervenzellen so hypersensitiv, dass – und da gibt’s eben die Beweise nur aus dem Tierversuch – man danach noch mehr Alkohol konsumiert wie früher. Das ist aber nicht notwendig, das ist die Frage, ob das so sinnvoll ist. Man quält sich durch den Entzug durch, das ist ja nicht einfach. Dafür, dass ich nachher noch schlechter dran bin als vorher, das kann ja nicht das Ende der Therapie- und Suchtforschung sein. Also entwickelt man sich dadurch weiter, dass man sagt o.k., der Fehler liegt vielleicht im plötzlichen Absetzen. Daher versucht man jetzt den anderen Weg zu gehen, nämlich den Alkohol graduell zu reduzieren – bis auf null. Ein Genussachterl kann man sowieso nie trinken, es geht darum, wie kann ich diese Übersensibilisierung, die durch den Entzug zustande kommt, zu verhindern.“

 

Quelle: Alk-Info


Neue Therapieansätze bei Alkoholabhängigkeit

Erster und wichtigster Schritt in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit ist, so die Experten, die Motivationsarbeit und die Wahl eines realistischen, gemeinsam erarbeiteten Therapiezieles. Während in den USA und deutschsprachigen Ländern Europas die absolute Abstinenz nach wie vor das erklärte Therapieziel darstellt, hätten andere Länder bereits neue Wege beschritten. „Wir wissen heute, dass viele Alkoholabhängige ihr Trinken allmählich in den Griff bekommen können“, betonte Prof. Dr. Henriette Walter von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien. (Die im Zentrum der Therapie alkoholkranker Patienten stehenden Angebote sind in der Tabelle zusammengefasst.)

Die Vorteile der Trinkmengenreduzierung („cutdown drinking“) sind die Vermeidung von schweren Entzündungen, die Unterstützung der Selbstkontrolle, die graduelle Gewöhnung an geringere Alkoholmengen und die Vermeidung eines „Alcohol deprivation“-Effekts (Jojo-Effekt). Durch die pharmakologische Dekonditionierung werden auch emotionale Ebenen des Patienten angesprochen und die Verbindung zwischen Trinken und Belohnungsgefühl gelöst.

Zur Auswahl der geeigneten Maßnahmen ist jedoch die Definition von Untergruppen der Alkoholabhängigen notwendig. Zumindest sollte der Beginn der Alkoholabhängigkeit, psychiatrische Komorbidität und die Typologie nach Babor und Lesch erhoben werden. Dieses Instrument gibt klare Vorschläge für das realistisch erreichbare Therapieziel, für die zu wählende Motivationsstrategie und für die in dieser Untergruppe wirksame Medikation und Psychotherapie.

Die vielen heute angewandten Medikamente wirken immer nur für einen Teil der Alkoholabhängigen. So wirkt z. B. Topiramat für Alkoholabhängige mit einem Beginn vor dem 25. Lebensjahr, Acamprosat für Typ I und II nach Lesch, Naltrexon oder Nalmefene für Cut down Drinking und für Typ III und IV zur Verbesserung der Abstinenzraten, Alcover zur Entzugsbehandlung und zur Verbesserung des Schweregrades und der Dauer von Rückfällen von Typ III und Typ IV.

Eine neue, sich in Entwicklung befindende Methode ist der Einsatz von Ersatzmedikamenten für Alkohol.

Alkohol in der inneren Medizin

„29 Prozent der Männer und 9 Prozent der hospitalisierten Frauen weisen eine Alkohol-assoziierte Erkrankung auf“, unterstrich Prof. Dr. Michael Trauner, Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Universität Wien, die Bedeutung des Problems.

Die Diskussion der Alkoholproblematik aus internistischer Sicht steht im Spannungsfeld zwischen Nutzen und akuten/chronischen Folgeschäden oberhalb eines kritischen Schwellenwertes, welche durch toxische Alkoholmetabolite und ungünstige Stoffwechseleffekte bedingt sind.

So zeigte z.B. eine rezente Studie bei über 10.000 Männern mit erhöhtem Blutdruck, dass moderate Alkoholmengen das Herzinfarkt-Risiko senken. Vermutlich, weil die sogenannten High Densitiy Lipoproteine durch Alkohol erhöht werden können und das Risiko für Gefäßerkrankungen dadurch gesenkt wird. Alkoholabhängige Personen haben jedoch grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck. Weitere schwere Folgeerkrankungen können die Leber, den Magen-Darm-Trakt, die Bauchspeicheldrüse, Herz, Niere, Skelettmuskulatur sowie das zentrale und periphere Nervensystem betreffen. Weiters schädigt Alkohol den Fetus und stellt einen Risikofaktor für zahlreiche Krebserkrankungen dar.

Akute Auswirkungen können Herzrhythmusstörungen und Gastritis, aber auch Bewusstseinstrübung sein. „Eine akute Alkoholvergiftung kann aber auch lebensbedrohlich sein“, so Trauner.


Quelle: SpringerMedizin.at, 2011