Kontrolliertes Trinken. Nur was für "Gesunde"?

Ein kontrovers diskutierter Ansatz im Kampf gegen die Alkoholkrankheit ist das kontrollierte Trinken, im deutschen Sprachraum propagiert vor allem durch Joachim Körkel. Mit einem „10-Schritte-Programm“ soll der Kranke unter anderem die Rahmenbedingungen überprüfen, ein Trinktagebuch führen und seine Trinkziele festlegen lernen.
 
Kritikpunkte daran sind jedoch, dass unter anderem der Begriff „kontrolliertes Trinken“ an sich nicht eindeutig festgelegt sei und außerdem dieser Therapieansatz nur von zwei bis fünf Prozent der Abhängigen über Jahre durchgehalten werden könne. Dieses Ziel zu erreichen sei wahrscheinlicher bei noch nicht abhängig gewordenen Menschen. Auch seien „kontrollierte Trinker“ in Gefahr, dass sich ihre Sucht verstärke oder verfestige.

Diskussionen um das Streitthema



Die Fronten sind verhärtet seit die Diskussion über "Kontrolliertes Trinken" bundesweit entfacht ist. Oft werden diese Diskussionen sehr emotional geführt, ohne die eigentlichen Chancen dieser Selbsthilfe-Variante zu sehen. Es ist sehr verständlich, dass trockene Alkoholiker, die viel Leid durchmachten, hier die große Gefahr eines schleichenden Rückfalles vermuten. Das ist in ihrem Falle auch richtig! Nur man sollte nicht vergessen, dass beide "Lager" und auch die Menschen dazwischen, helfen wollen. Und das ist ebenso richtig und legitim.

 



Zielgruppe von Alkoholprävention und Suchtberatung / -hilfe bezogen auf unsere Kulturdroge Alkohol sind aber fast ausschließlich die alkoholabhängigen, alkoholkranken Menschen in der Bundesrepublik.

 

Aber selbst von diesen geschätzten ca. 2 Millionen Alkoholabhängigen wird mit den bestehenden Beratungs- und Hilfsangeboten nur ein geringer Teil erreicht oder fühlt sich über diese Angebote nicht angesprochen. 

Vor diesem Hintergrund sollte es ethisch-humane Verpflichtung der professionellen Institutionen der Suchtkrankenhilfe sein, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, den Menschen, die eine Veränderung ihres Trinkverhaltens anstreben auch entsprechende Angebote vorzuschlagen und diese Menschen mit ihren individuellen Zielvorstellungen ernst zu nehmen.

 

Priorität darf nicht haben die Kategorisierung der Hilfesuchenden nach vorgefertigten Schablonen auf der Basis "abstinenzwillig - nicht abstinenzwillig", "bekennt sich als Alkoholiker - bekennt sich nicht als Alkoholiker", sondern Priorität muss haben die Anerkennung jeden Schrittes - unabhängig von Ausmaß und Steuerung der Motivation sowie augenblicklicher Ziele - in Richtung Beratung und Verhaltensänderung als starke Ich-Leistung und deshalb nutzbare Ressource. 

In diesem Sinne dürfen Angebote, die ein breiteres Spektrum von Adressaten erreichen könnten, wie z.B. das Erlernen von Trinkkontrolle über ein Selbstkontrollprogramm oder die Reduzierung von Trinkmengen über sogenannte Drink-less-Programme nicht unbeachtet bleiben. Dies bedeutet nicht, dass insgesamt vom Abstinenzziel abgerückt wird.





Revolution in der Alkoholsucht-Bekämpfung

Bislang galt für alkoholkranke Menschen: ganz oder gar nicht. Nun empfehlen Suchtexperten erstmals den reduzierten Entzug für Alkoholiker.


Wenn der Alkohol geht, kommt das Zittern, das Herzrasen, das Schwitzen. Es sind die körperlichen Symptome der Entgiftung. Dann folgt der harte Alltag. Nie wieder einen Tropfen Bier, Wein oder Schnaps. Ein Kampf, den viele Alkoholiker verlieren. Lange gab es für sie nur diese eine Form der Therapie: Alles oder nichts. Die absolute Abstinenz galt als einziger Weg, dauerhaft trocken zu bleiben.


Die führenden Suchtexperten Deutschlands haben ihre Meinung nun geändert. Erstmals empfehlen sie auch das reduzierte Trinken als mögliche Therapie für Alkoholiker. Das steht in den neuen Leitlinien zu Alkohol und Nikotin, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) diese Woche in Berlin vorgestellt hat. 80 Spezialisten, darunter 60 Suchtexperten, aber auch Vertreter von Selbsthilfegruppen haben sich durch die Studien der vergangenen Jahre gelesen.


Dort steht auch, dass sich bisher nur 10 Prozent aller Alkoholabhängigen in Deutschland zu einem Entzug entschließen. Die überwiegende Mehrheit wagt diesen Schritt erst gar nicht. 90 Prozent aller Abhängigen gelangen nie in eine Behandlung. Das „Nie mehr“ ist offenbar eine zu hohe Hemmschwelle. Untersuchungen zeigen, dass weit mehr von ihnen zu einer Therapie bereit wären, wenn sie das Trinken nicht völlig aufgeben müssten. 40 Prozent aller Abhängigen würden sich dann in professionelle Hände geben.


Das umstrittene Konzept des reduzierten Trinkens gibt es schon länger. Der Psychologe Joachim Körkel brachte es in den 90er-Jahren aus den USA mit nach Deutschland. Damals hagelte es Kritik. „Es ist fahrlässig und gefährlich, wenn einem Alkoholkranken suggeriert wird, kontrolliert trinken zu können“, schrieb etwa die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen im Jahr 2001.


„Ich war zunächst auch skeptisch“, sagt Karl Mann, Leiter des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim, der die neuen Leitlinien in Berlin vorgestellt hat. Mittlerweile habe sich die Datenlage aber verändert. „Studien zeigen, dass 20 bis 30 Prozent der Alkoholabhängigen in der Lage sind, ihren Alkoholkonsum über einen längeren Zeitraum zu reduzieren“, sagt er. „Das ist ein Paradigmenwechsel in der Suchtbehandlung“, sagt auch Peter Falkai, Vorsitzender der DGPPN. Das oberste Ziel bleibe aber nach wie vor die Abstinenz. Wer bereits trocken ist, sollte das auch in jedem Fall bleiben. Die Lebenserwartung für Abstinenzler sei immer noch deutlich höher als für moderate Trinker. Reduziertes Trinken sei im Idealfall der Einstieg in den Ausstieg.


Ein Anfang, den Alkoholiker jedoch kaum alleine schaffen können. Auch das reduzierte Trinken wird medikamentös und psychologisch begleitet. Die Patienten bekommen ein Mittel, das den Wirkstoff Nalmefen enthält. Er blockiert im Gehirn die belohnenden Effekte des Alkohols. Das Wohlgefühl, das sich normalerweise nach dem Trinken einstellt wird gemindert. Das soll das Verlangen zügeln und es erleichtern, weniger zu trinken.


Zwei Studien konnten mittlerweile die Wirksamkeit von Nalmefen belegen. Probanden, die es einnahmen, konnten ihre Trinkmenge im Vergleich zu einer Placebo-Gruppe reduzieren. Nach einem Monat tranken sie 40 Prozent weniger als zuvor. Nach einem Jahr Therapie waren es 60 Prozent. Nalmefen ist jedoch nicht frei von Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen.


Berliner Zeitung, 08.02.2015


Schon der Geschmack von Bier wirkt

17.04.2013. Der Genuss von Bier führt im Gehirn zu einem Anstieg des Botenstoffs Dopamin – auch ohne den berauschenden Effekt von Alkohol. Zu dem Ergebnis kamen Forscher der Universität Indiana. 49 Männer bekamen jeweils 15 Milliliter Bier auf ihre Zunge gesprüht. Bei dieser kleinen Menge ist die Wirkung des Alkohols nur minimal.


Dennoch konnten die Forscher mit dem Positronen-Emmissions-Tomographen messen, dass der Dopamin-Level im Gehirn deutlich steigt. Bei einer Limonade war der Effekt nicht so groß. Die Forscher schließen daraus, dass allein der Geschmack eines alkoholischen Getränks die Hirnchemie verändern kann.


Besonders groß war der Dopamin-Anstieg bei Männern, die in ihrer Verwandtschaft Alkoholiker haben – die also bei ihrer Suchtneigung wahrscheinlich genetisch vorbelastet sind. Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter im Belohnungssystem, über ihn werden im Gehirn Verlangen und Glücksgefühle gesteuert. Ist das System gestört, können Süchte entstehen. (rv)