Der Rückfall. Chance oder Fluch?

Beides. Deshalb steht bei mir der Rückfall im Register "Heilung". Auf dem Weg zur Heilung wird es immer wieder Rückschläge geben. Man sollte diese jedoch als einen aktiven Neueinstieg in die Verarbeitung seiner eigenen Alkoholproblematik sehen. Sich selbst und seine Angewohnheiten zu hinterfragen und nachzudenken, welche positiven Veränderungspotentiale in einem stecken, an die man möglicherweise bisher nicht gedacht hat.

 

Früher galt jeder Rückfall als ein Wiederaufkeimen der Krankheit, ein Scheitern an dem als Krankheit notwendig und unabdingbar angesehenen Abstinenzgebot. Rückfall war Ausdruck des Scheiterns, des Versagens des Patienten, des Therapeuten und der Behandlung. Dies wird nach neuesten neurobiologischen Forschungen und den Entwicklungen der Psychoanalyse heute so nicht mehr gestützt.

 

Bezüglich des Rückfalls muss unterschieden werden in:

 

Die enge Rückfalldefinition

Hier wird jeglicher Konsum des Suchtmittels nach einer Phase der Abstinenz als Rückfall und als Versagen angesehen.

 

Trockener Rückfall

Wenn der Betroffene in sein altes Verhalten (z. B. Großspurigkeit, Sprunghaftigkeit, rigide und schnelle Urteile über andere) zurückfällt, ohne jedoch zu trinken.

 

Ausrutscher oder Fehltritt (lapse, slip)

Kurzfristiger und geringfügiger Alkoholkonsum, der (bei ernsthafter Reflexion und Anknüpfen an die Abstinenz) ein einmaliger Vorfall bleiben kann.

 

Schwerer Rückfall (relapse)

Rückfall in alte Trinkmuster in Bezug auf Menge, Trinkfrequenz und Trinkdauer.

 

Schleichender Rückfall

Hier steht am Anfang zum Beispiel der Versuch, kontrolliert zu trinken. Oder aber man kauft sich die Flasche Wein zunächst nur zum Kochen. Nach scheinbarem Erfolg kommt es jedoch zu einem Abrutschen in alte Trinkgewohnheiten mit zunehmenden körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen.


Ursachen des Rückfalls (wissenschaftlich erklärt)

Nach dem Konzept der Klassischen Konditionierung wird davon ausgegangen, dass der Rückfall durch eine konditionierte Entzugserscheinung ausgelöst werden kann.

 

Während der Zeit des Substanz-Missbrauchs werden

  • die körperliche (entzugsbedingte) Stoffwechselstörung (unkonditionierter Reiz) und
  • das dabei empfundene Bedürfnis nach Alkohol (unkonditionierte Reaktion) mit
  • den in der jeweiligen Situation regelmäßig auftretenden Reizen (z. B. Stimmungen, Umgebungssituationen, Personen) verknüpft.

Ist diese Verbindung einmal etabliert (konditioniert), reicht es aus, dass der Alkoholkranke diesen entsprechenden Reizen (z. B. bestimmte Kneipe, nass beschlagenes, kühles Glas, konditionierter Reiz) ausgesetzt ist, damit das Bedürfnis nach Alkohol (konditionierte Reaktion, Craving) auftritt. Die körperliche Grundlage (Stoffwechselstörung) muss dazu nicht mehr vorhanden sein.

 

Die konditionierte Entzugserscheinung wurde zum diskriminativen Hinweisreiz. Das bedeutet, es wurde gelernt, dass in dieser Situation Alkoholkonsum zur Beseitigung der negativen Empfindungen führt (also kein spontanes, rein zufälliges Verhalten). Dies erklärt, warum es auch nach langen Jahren der Abstinenz in bestimmten Situationen zum Rückfall kommen kann. Diese Theorie liefert jedoch noch keine Erklärung dafür, warum nicht jeder konditionierte Reiz automatisch zu einem erneuten Konsum führt und warum es nicht bei jedem Fehltritt zum Rückfall kommt.

 

Kognitiv-behaviorales Rückfall-Modell von Marlatt und Gordon

G. Alan Marlatt und J.R. Gordon (1985) gehen davon aus, dass ein Rückfall nicht plötzlich auftritt, sondern sich über längere Zeit vorbereitet. In ihrem Modell greifen sie auf Konzepte der sozialkognitiven Lerntheorie von Albert Bandura (kanadischer Psychologe, der als einer der führenden Psychologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt) zurück.

 

Das Modell beinhaltet folgende Komponenten, welche die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls beeinflussen:

  • Konfrontation mit einer Risikosituation (z. B. negative Gefühle, soziale Konflikte oder soziale Verführung)
  • Bewältigungsstrategien für den Umgang mit der Risikosituation
  • Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung der Situation (Selbstwirksamkeitserwartung)
  • Erwartungen bezüglich der unmittelbaren Wirkungen des Alkohols (Ergebniserwartung)
  • Abstinenz-Verletzungs-Effekt

Ist der Betroffene einer Risikosituation ausgesetzt, wird er diese entweder bewältigen oder nicht. Die Bewältigung führt zu einer erhöhten Selbstwirksamkeitserwartung und insgesamt zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls.

  • Wird die Situation nicht bewältigt, kommt es zu einer Abnahme der Selbstwirksamkeitserwartung, die Situation ohne Alkohol in den Griff zu bekommen
  • Positive Erwartungen an den Substanzkonsum (z. B. „dann werde ich mich besser fühlen“) werden aktualisiert, und es kommt zum Substanzkonsum
  • In Folge kann es zu einer problematischen psychischen Verarbeitung, dem Abstinenz-Verletzungs-Effekt kommen
  • Durch den Vorfall kommt es zum Widerspruch (kognitive Dissonanz) zwischen dem Selbstbild des Betroffenen („Ich will abstinent leben“) und dem konkreten Verhalten (Alkoholkonsum)
  • Dieser Konflikt kann nur durch die Änderung des Verhaltens (Abstinenz) oder des Selbstbildes („Ich bin eben ein Trinker“) aufgelöst werden
  • Im letzteren Fall sieht man sich selbst als Ursache für das Trinken („Ich bin ein Versager“), was zu Selbstwertminderung, Schuld und Schamgefühlen und letztlich einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für einen vollständigen Rückfall führt
  • Gelingt es demjenigen jedoch, den Fehltritt „konstruktiv“ zu verarbeiten (z. B. „das ist jetzt keine Katastrophe, ich kann daraus lernen und es beim nächsten Mal anders machen“), kann der Rückfall unter Umständen aufgefangen werden und zum Vorfall werden. D. h. es kommt zur Rückkehr auf den Weg zur Abstinenz. Somit spielen kognitive Faktoren nach Marlatt und Gordon eine entscheidende Rolle bei der Rückfallprävention

 

Als weiterer Risikofaktor wird ein dauerhaft unausgeglichener Lebensstil beschrieben, bei dem die täglichen Belastungen nicht durch stabilisierende Aktivitäten oder Entlastungsmöglichkeiten ausgeglichen werden. Hierzu zählt auch die Rückkehr zu ungünstigen Gewohnheiten, wie z. B. sozialer Rückzug oder häufiger Fernsehkonsum, was zu Unzufriedenheit und dem Wunsch nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung führen kann.
   
Das Modell bietet somit verschiedene Ansatzpunkte für die Prävention von Rückfällen im Rahmen einer kognitiv-verhaltens-therapeutischen Behandlung (z. B. Änderungen des Lebensstils, Erlernen von Bewältigungsstrategien oder kognitive Umstrukturierung).