Reduktion als neue Therapieoption

Sich zu Beginn eines Alkoholentzugs auf das Ziel Abstinenz festzulegen, bedeutet für viele Alkoholkranke eine große Hürde. Ein Therapieansatz, bei dem auch eine Reduktion des Alkoholkonsums als Erfolg gilt, bringt Betroffene möglicherweise ihrem Ziel näher. Ein neuer Arzneistoff könnte ihnen dabei helfen.

 

»Ein Alkoholiker muss erst mal ganz unten sein, bevor ihm geholfen werden kann.« So habe man vor rund 30 Jahren gedacht, erläuterte Professor Dr. Karl Mann vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim bei einer Veranstaltung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft in Frankfurt am Main.

 

Im so­genannten Jellinek-Schema, das die Alkoholsucht in vier Phasen des zunehmenden Kontrollverlusts unterteilt, musste ein Alkohol­kranker auf der abfallenden Kurve zunächst die Talsohle erreichen, bevor es wieder aufwärts gehen konnte. Aus Manns Worten klingt das Absurde der Situation: Wenn ein Therapie­williger diesen Punkt noch nicht erreicht hatte, konnte es passieren, dass er wieder heimgeschickt wurde. Darüber hinaus habe man Rückfälle früher als Willensstörungen betrachtet, die zum Ausschluss aus der Therapie führen konnten, oder als Neurose, die es zu überwinden galt.

 

Wenige Erfolge mit verfügbaren Arzneien

 

Von diesen Vorstellungen habe man sich inzwischen verabschiedet, und eine weitere stehe auf dem Prüfstand, nämlich dass nur die lebenslange Abstinenz einem Alkoholkranken helfen könne. Zur Therapie der Alkoholsucht gibt es derzeit zwei Wirkstoffe auf dem deutschen Markt: den NMDA- Rezeptor-Antagonisten Acamprosat und den Opiatrezeptor-Antagonisten Naltrexon. Sie besitzen eine Zulassung für die »Unterstützung und Aufrechterhaltung der Abstinenz«, also als Anti-Craving-Substanzen zur Rückfallprophylaxe bei sogenannten trockenen Alkoholkranken. Doch der Erfolg ist recht dürftig. Zwar gibt es Mann zufolge für Deutschland keine kontrollierten Studien, die den Erfolg quantifizieren könnten. US-amerikanische Studien zeigten jedoch, dass nur etwa 35 Prozent der Behandelten das Therapieziel Abstinenz erreichen.

 

Der Bedarf an weiteren Therapieoptionen ist angesichts dieser unbefriedigenden Situation groß. Dabei dürfen laut einer Richtlinie der europä­ischen Arzneimittelbehörde EMA auch Hersteller von Arzneistoffen auf eine Zulassung hoffen, mit denen sich lediglich ein Rückgang des schädlichen Alkoholkonsums beziehungsweise eine Verringerung der Zahl sogenannter schwerer Trinktage als erreichen lassen. Für diesen Begriff gibt es verschiedene Definitionen; sie reichen von vier alkoholischen Standardgetränken pro Tag für Männer und drei für Frauen bis zu sechs respektive vier Drinks täglich.

 

Ein Kandidat ist der Wirkstoff Nalmefen, für den die EMA im vergangenen Dezember eine Zulassungsempfehlung ausgesprochen hat. Hersteller Lundbeck plant eine Markeinführung unter dem Handelsnamen Selincro im Herbst dieses Jahres.

Wie wirkt Nalmefen? Der Genuss von Alkohol führt im mesolimbischen System zu einer Dopaminfreisetzung, die Lust auf noch mehr Alkohol macht. Die Dopaminausschüttung wird dabei durch die Freisetzung von Endorphinen erleichtert. Nalmefen soll diesem Effekt entgegenwirken und damit den Alkoholkonsum reduzieren, wahrscheinlich indem es modulierend im cortico- mesolimbischen System eingreift. Die Substanz ist ein Opioidrezeptor-Ligand. An µ- und δ-Rezeptoren wirkt es antagonistisch, an κ-Rezeptoren hat es eine partiell agonistische Aktivität.

 

Mann stellte Studienergebnisse von insgesamt circa 2000 Probanden vor, bei denen Effekt und Sicherheit des Wirkstoffs getestet wurden sowie Subgruppenanalysen, die Hinweise darauf geben, welche Patienten möglicherweise stärker profitieren könnten als andere. In der Verumgruppe schafften es die Patienten, im Verlauf von sechs Monaten, ihren Alkoholkonsum von umgerechnet 84 g reinem Alkohol pro Tag auf 30 g täglich zu reduzieren (Placebo auf etwa 44 g). Die Zahl der schweren Trinktage nahm von durchschnittlich 19 pro Monat auf sieben ab (Placebo auf etwa 10). Als Nebenwirkungen traten anfänglich unter anderem Übelkeit, Schwindel oder Schlafstörungen auf. Diese kenne man auch von Naltrexon, verglich Mann.

 

Weniger schwere Trinktage

 

Dass auch die Teilnehmer in der Placebo­gruppe deutliche Erfolge verzeichneten, spiegele unter anderem die hohe Eigenmotivation der Teilnehmer wider. Besonders am Anfang – zwischen der Aufnahme in eine der beiden Studiengruppen und dem tatsächlichen Beginn der Behandlung zwei Wochen später – hätten viele Teilnehmer bereits ihren Alkoholkonsum reduziert. Doch schafften das nicht alle. In weiteren Auswertungen der Ergebnisse habe sich gezeigt, dass vor allem diejenigen, die in diesem Zeitraum unvermindert weitergetrunken hatten, von der Arzneimittel­einnahme stärker profitierten als andere; dasselbe galt für Teilnehmer mit überdurchschnittlich vielen schweren Trinktagen im Monat. Untersuchungen zu Langzeiteffekten stehen noch aus, seien aber in Planung, so Mann.

 

»Personalisierung in der Behandlung der Alkoholkrankheit ist notwendig«, resümierte der Arzt. Diesem Ziel komme man jetzt möglicherweise einen Schritt näher. Wünschenswert seien zudem Prädiktoren, die Hinweise darauf erlaubten, welcher Patient von welcher Behandlung am ehesten profitiere. Studien zu Genetik, Hirnfunktionen und Verhaltensanalysen stellen hier mögliche Ansätze für die Zukunft dar.









Zusammenfassung eines Artikels

von David Sinclair, Roy Eskapa und Michael Sinclair

13. Oktober 2014

"Wie Opioid-Antagonisten das Verlangen nach Alkohol verringern"