Es muss nicht immer Abstinenz sein

Erstmals wird in Deutschland das reduzierte Trinken als Therapieziel für Alkoholiker offiziell anerkannt.

Doch nicht wenigen in der Suchthilfe bereitet dies Unbehagen.


Irgendwann blieb der Mann einfach da liegen, wo er gestürzt war. Aufstehen konnte er nicht, in seinem Bein war ein Knochen zersplittert. Aufstehen wollte er auch gar nicht, sein Zimmer bot alles, was er vom Leben noch erwartete: genug Bier und Schnaps, um sich dem Tod endgültig entgegenzutrinken. So war seine einzige Forderung: keine Ärzte, keine Hilfe. "Sterben", heißt der autobiografische Roman, in dem der Norweger Karl Ove Knausgård das Ableben seines Alkoholiker-Vaters beschreibt. Wer es durch die Schilderungen schafft, bleibt mit dem bedrückenden Gefühl zurück, dass alles besser gewesen wäre als dieses Sterben. Hätte man das Elend nicht wenigstens etwas mildern können?


Doch mit der Schadensminimierung gab sich die Suchthilfe lange Zeit nicht zufrieden. Reichte sie einem Bedürftigen die Hand, besiegelte die Geste einen Vertrag, in dem es um alles oder nichts ging. Kein Tropfen, nie mehr. Die
Likörpraline galt nun als Teufelszeug, das direkt wieder in die Sucht führt. Noch in den 1980er-Jahren flog sofort aus dem Entwöhnungsprogramm, wer einen Rückfall erlebte.


So ist es bemerkenswert, was sich derzeit in der Alkoholtherapie vollzieht. Seit Anfang September 2014 ist das erste Medikament auf dem Markt, das nicht primär Abstinenz zum Ziel hat, sondern helfen soll, weniger zu trinken. Zudem stimmen die Fachgesellschaften über eine Leitlinie ab, die erstmals das reduzierte Trinken als eine Alternative auch in Deutschland anführt. "Ein Konsens zeichnet sich ab", sagt Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.


Einen Sinneswandel unter vielen Kollegen beobachtet auch der Suchtforscher Joachim Körkel. Der Psychologe der Evangelischen Hochschule Nürnberg propagiert das Konzept des kontrollierten Trinkens seit 15 Jahren, salonfähig ist er
damit erst seit Kurzem. Körkel kann viele Argumente für den Ansatz nennen, vor allem aber zitiert er eine Zahl: 90 Prozent der Menschen mit Alkoholproblemen gelangen nie in Behandlung.


Die Hürde des "nie mehr" ist einer der Hauptgründe dafür. "Nie mehr" bedeutet für die Betroffenen nicht nur den endgültigen Verzicht auf den begehrten Stoff, sondern auch, für den Rest des Lebens als Säufer gebrandmarkt zu sein.

 

Ihnen eine Alternative zu bieten ist das Ziel der Verfechter des reduzierten Konsums. Und doch bereitet das Ansinnen nicht wenigen in der Suchthilfe Unbehagen. Saufen mit Absolution des Arztes? Und nun auch mit einer von den
Krankenkassen erstatteten Pille? Wird hier Alkoholikern das Bett bereitet, in das sie sich im wohldosierten, wohltolerierten Rausch sinken lassen können?

 

Eher nicht. Das neue Medikament ist kein Wundermittel. Der Wirkstoff Nalmefen wirkt an Opioid-Rezeptoren im Gehirn und blockiert so die belohnenden Effekte des Alkohols. Das Verlangen, nach einem oder zwei Gläsern weiterzutrinken, werde dadurch gesenkt, sagt Mann, der an mehreren Studien mitgewirkt hat. In diesen Untersuchungen zeigte sich der Wirkstoff einem Placebo überlegen, Menschen zechten an weniger Tagen, reduzierten ihre monatliche Trinkmenge und wiesen verbesserte Leberwerte auf. Die meisten Patienten vertrugen das Medikament gut.


Allerdings waren die Effekte nicht in jeder Analyse stark ausgeprägt, der Grad der Wirksamkeit ist noch nicht endgültig bewertet. Dass Nalmefen nun von den Kassen erstattet wird, ist in erster Linie ein Signal, dass die Latte in der Alkoholtherapie nicht immer ganz oben hängen muss. Damit könnte es auch Hausärzten leichter fallen, Patienten auf deren Alkoholprobleme anzusprechen. Das wäre durchaus ein Gewinn, denn sie sind häufig die ersten und oft genug auch die einzigen Mediziner, die den problematischen Konsum entdecken.

 

"Wir haben die Chance, statt zehn Prozent nun 20 bis 30 Prozent der Patienten in Behandlung zu bringen", hofft Mann.
Zum anderen ist das reduzierte Trinken für die, die es ernst meinen, keine fröhliche Augenwischerei. Das Konzept beinhaltet in der Regel psychosoziale Unterstützung, mit deren Hilfe Ziele für die Reduktion definiert und eingehalten oder aber angepasst werden.


Wer dafür mehr braucht als Ermunterung durch den Hausarzt oder eine ambulante Suchthilfeeinrichtung, die ihn im Führen eines Trinktagebuchs unterweist, findet allerdings nur schwer Hilfe. Die Rentenversicherung, die die
Entwöhnungsprogramme für Alkoholiker finanziert, akzeptiert den Ansatz bislang nicht. Weite Teile der Selbsthilfe lehnen das Konzept komplett ab. Sie sorgen sich um das bereits Erreichte und fürchten, dass trockene Alkoholiker ihre Selbstdisziplin einbüßen, wenn bei ihnen die Botschaft ankommt, dass ein bisschen weniger
trinken eigentlich auch okay ist.

 

Tatsächlich funktionieren beide Ansätze ähnlich gut, wie internationale Erfahrungen zeigen. Ob abstinente oder nur moderater gewordene Trinker: Beide Gruppen bleiben ihren Vorsätzen in etwa gleichem Maße treu, ergab eine Überblicksstudie aus dem vergangenen Jahr. Beide Gruppen profitieren zugleich von ihrem Ansatz.


Eine ebenfalls aus dem vergangenen Jahr stammende Metaanalyse zeigte: Wer seinen Alkoholkonsum reduzierte, hatte ein nur knapp halb so großes Sterberisiko wie diejenigen, die weiter ohne jedes Maß soffen. Allerdings war der Gewinn für die Abstinenzler deutlich größer. Ihr Sterberisiko war wiederum nur halb so groß wie das der moderateren Trinker.


"Mit der Abstinenz sind Patienten auf jeden Fall auf der sicheren Seite", sagt Michael Soyka, Suchtmediziner der Münchner LMU. Das gelte vor allem für Menschen mit schwer ausgeprägter Abhängigkeit. "Die Grundlagenforschung weist recht deutlich daraufhin, dass gerade die Kontrollminderung einer der zentralen Mechanismen der Alkoholabhängigkeit ist."


Siehe auch Pressemeldung vom 01.12.2014

 

Soyka selbst hat Patienten erlebt, die nach zehn Jahren Trockenheit rückfällig wurden, und sehr schnell wieder jegliche
Macht über den Alkohol einbüßten. Was den Langzeitnutzen betrifft, bleibt das reduzierte Trinken seinen Nachweis ohnehin noch schuldig: Studien reichen meist nur über einen Zeitraum von zwei Jahren. Dennoch hält auch Soyka die
Reduzierung für ein legitimes Ziel für diejenigen, die anders nicht zu erreichen sind.


"Weniger zu trinken, ist immer noch besser, als gar nichts zu tun"
Einige von ihnen kommen über diesen Umweg doch noch zur Abstinenz. "Wer nach Jahren der Abhängigkeit erstmals wieder einen alkoholfreien Tag pro Woche erlebt, schöpft Mut und traut sich dann vielleicht zu, auch abstinent zu leben", hat Körkel erlebt. Andere lernen auf diese Art, dass ein bisschen reduzieren zwar nicht schlecht ist, aber ihre Probleme letztlich nicht löst, und wagen doch noch den Schritt in die Abstinenz. Körkel zitiert Studien, wonach etwa zehn bis 30 Prozent der Patienten in Reduktionsprogrammen komplett trocken werden. Für die anderen gilt, was Körkel, Mann und Soyka pragmatisch zusammenfassen: "Weniger zu trinken ist immer noch besser, als gar nichts zu tun."

 

Quelle: Süddeutsche.de September 2014