Die Endorphin-Falle

Neue Erkenntnisse über die Neurobiologie der Sucht: Was Alkohol im Hirn anrichtet - und wie daraus eine Abhängigkeit entstehen kann.

Die Phase 1

ist noch ganz lustig. Bis die Probanden 0,2 Promille Alkohol im Blut haben, nach einem Glas Bier oder einem Viertel Wein, fühlen sie sich leicht angeheitert.

In der Phase 2

(0,5 Promille), nach drei Bieren oder einem halben Liter Wein, lässt die Reaktionsfähigkeit deutlich nach, die Versuchspersonen neigen zur Selbstüberschätzung.

 

In der Phase 3 - nach sechs Gläsern Bier oder einem Liter Wein (1 Promille),  lässt das Gleichgewichtsgefühl deutlich nach, man beginnt zu lallen.

 

Ab Phase 4 (1,5 Promille) wird es dann unangenehm: Selbstgespräche, Schwanken, Schwindel.

Phase 5 (2 Promille): Erbrechen, schwere Gleichgewichtsstörungen, Kontrollverlust. Ab 2,5 Promille treten Störungen der Atmung und des Blutkreislaufs auf, die motorischen Nerven versagen, das Bewusstsein setzt aus. Über 4 Promille würde dann ziemlich sicher der Tod eintreten.

Alkohol ist Gift für den Körper des Menschen. Schon das Trinken eines Glases Wein wirke prinzipiell auf das Suchtzentrum im Gehirn wie eine Dosis Heroin, sagt Falk Kiefer, einer der führenden Suchtforscher.

An der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim hat er es mit allen Arten von Drogensüchtigen zu tun: Alkoholiker, Medikamentenabhängige und Junkies besuchen die Forschungseinrichtung ebenso wie Ess- und Spielsüchtige.


Alkohol löst widersprüchliche Mechanismen aus

Kiefer sieht bei allen Drogen das gleiche Muster: "Die Sucht setzt im Gehirn an und verändert das körpereigene Motivations- und Belohnungssystem." Kiefer und seine Kollegen erforschen am ZI unter anderem, was der Alkohol im Körper und im Gehirn des Menschen anrichtet - und ziehen daraus wichtige Schlüsse für mögliche neue Therapieformen.

Betrunkene sind erst aufgedreht, dann schlafen sie manchmal schlagartig ein. Alkohol wirkt sowohl enthemmend als auch dämpfend. Durch Tierversuche und dank der Erfolge der Hirnforschung verstehen die Suchtforscher mittlerweile recht gut, wie die komplexe Wirkung des Alkohols auf den Menschen zustande kommt.

Die Wissenschaftler sprechen auch von einer "schmutzigen Droge", da der Alkohol nicht einen einzelnen Rezeptor im Hirn anspricht wie Heroin oder Kokain, sondern verschiedene, teils widersprüchliche biochemische Mechanismen auslöst.

Hauptsächlich wirkt Alkohol jedoch auf den sogenannten GABA-Rezeptor im zentralen Nervensystem, der die neuronale Aktivität dämpft. Gleichzeitig wird Glutamat, der wichtigste aktivierende Botenstoff im Hirn, durch den Alkohol geblockt.


Alkohol-Moleküle lähmen die Nervenzellen

Beides führt dazu, dass sich Menschen unter Alkoholeinfluss zunächst enthemmt und mutiger als sonst fühlen, dann aber müde und schlapp. Gleichzeitig werden viele wichtige Sinneswahrnehmungen getrübt. Die Augenmuskulatur erschlafft, der so genannte Tunnelblick entsteht.

Der Verstand schwindet, da die Moleküle des Alkohols die Nervenzellen lähmen und die Informationsübermittlung behindern. Dafür übernimmt das limbische System, verantwortlich für das Triebverhalten, die Kontrolle.

Ärzte wissen genau, was während eines Rausches im Gehirn passiert. Sogenannte Positronen-Emissions-Tomographie-Aufnahmen (PET) zeigen, welche Hirnregionen vermindert aktiv sind und welche verstärkt.

Die Sehrinde arbeitet schlechter, das Sprachzentrum und der Gleichgewichtssinn geraten außer Kontrolle. Sprechen und Gehen werden schwierig, die Leute fangen an zu lallen und zu torkeln.


Der Rausch als Feuerwerk der Endorphine

Was nüchtern betrachtet eher lächerlich wirkt, wird von den Betrunkenen selbst als großartiger Zustand erlebt. Denn im Hirn der Alkoholisierten tobt ein Endorphin-Feuerwerk - der Rausch.

Endorphine sind vom Körper selbst produzierte Rauschmittel, die normalerweise beim Küssen, beim Essen oder beim Sex ausgeschüttet werden und euphorische Gefühle auslösen.

Alkohol im Blut führt auch zur Ausschüttung von Endorphinen. Dies scheint ein Schlüssel bei der Enstehung der Abhängigeit zu sein. "Durch die Endorphine wird das Motivations- Belohnungssystem reguliert", erklärt Falk Kiefer, "neuronale Strukturen lernen, dass es positive Konsequenzen hat, Alkohol zu konsumieren."

In Versuchen mit Ratten haben Neurologen bereits in den 50er Jahren nachgewiesen, dass die Selbstbelohnung durch Endorphine ein zentraler Punkt im Erlernen einer Abhängigkeit ist. Wissenschaftler der MacGill University in Montreal pflanzten einer Ratte eine Elektrode in eine bestimmte Region ihres Gehirns, die als Zentrum für Belohnung und Motivationssteuerung gilt.

Das Tier konnte die Elektrode per Tastendruck aktivieren. Die Ratte widmete sich nur noch dieser Taste, selbst wenn sie über einen Stromzaun klettern musste - sie war süchtig.

Dem Trinker geht es wie der Ratte. Er produziert mit dem Alkohol ein künstliches Glücksgefühl. Dieses wird auch nicht durch die unangenehmen Begleiterscheinungen des Trinkens gemindert. Die erhöhten Endorphin-Werte empfindet er zunehmend als normal.
Ohne die Droge fühlt er sich dagegen schlecht, was ihn motiviert, weiter zu trinken. Ein Teufelskreis. Für suchtgefährdete Menschen ist es schwer, aus dieser Falle herauszukommen.


Zumal Menschen, die Alkohol gut vertragen und zunächst einmal weniger Probleme damit zu haben scheinen, leichter in eine Abhängigkeit geraten als jene, die unter den körperlichen Folgen des Konsums leiden. "Ein heftiger Kater ist eine gute Abschreckung", sagt Falk Kiefer, "wer Alkohol schlecht verträgt, hat ein geringeres Suchtrisiko."

Bei gesteigertem, regelmäßigem Konsum kann sich der Körper jedoch dem Abbau von Alkohol anpassen, ein Gewöhnungseffekt tritt ein. Wenn dieser Effekt einher geht mit einer Desensibilisierung des vegetativen Nervensystems, kann das zu einer höheren Alkoholresistenz führen.

Möglicherweise kann die Pharmaindustrie den Alkoholsüchtigen bald helfen. Seit bekannt ist, in welcher Hirnregion Sucht entsteht, arbeitet man an Medikamenten gegen die Sucht. Der Ansatzpunkt ist wiederum das Motivations- und Belohnungssystem: Wird im Rausch körpereigenes Opiat ausgeschüttet, versucht das Medikament, das Andocken der Endorphine zu verhindern - Rausch und Wiederholungswunsch fallen schwächer aus.

Titus Arnu, 22.05.2010