Alkohol: "Vorglühen" startet einen riskanten Party-Abend

Gerade am Wochenende stürzen sich viele Jugendliche wieder ins Nachtleben. Um in Stimmung zu kommen, ist es ist in diesem Zusammenhang nicht unüblich, schon vor dem Besuch von Bars oder Clubs zu Hause Alkohol zu trinken. Wie riskant dieses "Vorglühen" sein kann, haben jetzt Forscher aus der Schweiz und den USA untersucht.

In ihrer Studie, in der die Wissenschaftler die Trinkgewohnheiten von 183 jungen Erwachsenen verfolgt hatten, zeigte sich, dass Vorglühen häufig mit exzessivem Trinken einhergeht. Dies widerspricht der häufigen Annahme, dass der alkoholische Kick vorab den späteren Alkohol-Konsum reduziert oder ersetzt. Wer mit Freunden privat vorglühe und anschließend in Bars oder Clubs weitertrinke, konsumiere doppelt so viel Alkohol wie sonst, so die Erkenntnis der Wissenschaftler. Mit den entsprechenden negativen Folgen: Aufgrund der großen Menge an Alkohol waren in ihrer Studie Kater und Blackouts die häufigsten Folgeerscheinungen. Viele Befragte berichteten zudem, ungeplant Drogen genommen zu haben (21 Prozent der Männer, 12 Prozent der Frauen) oder unbeabsichtigten beziehungsweise ungeschützten Sex gehabt zu haben (8 Prozent der Männer, 5 Prozent der Frauen).

Diese Erkenntnisse seien umso wichtiger, da Vorglühen keine Seltenheit sei, so die Forscher. Etwa ein Drittel all jener, die auswärts alkoholische Getränke bestellten, hatte zuvor schon privat Alkohol konsumiert. Ihr Rat: Um den Überblick zu behalten, sei es für junge Menschen wichtig, die Menge der konsumierten Drinks zu zählen, besonders wenn die Lokalität gewechselt werde. Der Wechsel von einer Lokalität zur nächsten gehe in der Regel mit einem höheren Alkoholkonsum einher, berichten die Forscher in der Zeitschrift Alcoholism: Clinical & Experimental Research. Schützende Strategien können zudem sein, auf Signale seines Körpers zu achten, das Trinktempo zu verlangsamen, Getränke nicht auf ex zu trinken und nicht an Trinkspielen teilzunehmen.

HH, 10. 11.2012


Betreutes Trinken


Sucht im Alter ist ein wachsendes und oft tabuisiertes Problem.

In einem Schweriner Seniorenheim sind 30 von 149 BewohnerInnen auf einer speziellen Sucht-Station.


SCHWERIN taz | Petra Tillmann und Thomas Grosch sitzen im Pflegerzimmer und besprechen anstehende Aufgaben. Alle zehn bis 15 Minuten klopft es und ein anderer grauhaariger Mann steckt seinen Kopf durch die Tür. Die Frage, die die Männer bewegt, ist immer die gleiche: „Kann ich wieder was bekommen?“ Es klingt wie die Bitte an einen Dealer – und tatsächlich, es geht ihnen um Suchtmittel, um Alkohol und Zigaretten.


Tillmann, 45, ist leitende Pflegefachkraft im Haus „Am Fernsehturm“ der Sozius Pflege- und Betreuungsdienste Schwerin. Das Heim liegt in einer Plattenbausiedlung im Stadtteil Großer Dreesch, der 29-jährige Grosch ist hier Altenpfleger. Die Station, auf der er arbeitet, ist anders als die meisten: Er betreut Senioren mit einer Sucht und suchtbedingt pflegebedürftige alte Menschen. Letztere haben durch die Abhängigkeit – meist von Alkohol – einen körperlichen Zustand erreicht, in dem sie sich nicht mehr selbst versorgen konnten und eine Pflegestufe für sie beantragt wurde.


Viele leiden unter dem Korsakow-Syndrom, einem durch ihren Alkoholmissbrauch hervorgerufenen Hirnschaden. Durch die Sucht ergeben sich Bedürfnisse, die in einem normalen Pflegebetrieb nicht berücksichtigt werden könnten.


„Viele der Bewohner haben vorher nur noch getrunken, kaum gegessen und sind nicht mehr zum Arzt gegangen“, sagt Grosch. „Wir geben ihrem Leben wieder eine Struktur. Sie stehen zu festen Zeiten auf, bekommen regelmäßige Mahlzeiten und nehmen wieder ihre Medikamente ein.“ Doch der Alkohol, der ihnen lange Medizin genug war, ist bei vielen fester Bestandteil des Lebens. Ziel der Pfleger ist zwar, die Menschen davon abzubringen, aber die Sucht ist oft weit fortgeschritten – viele können nicht mehr auf Bier oder Schnaps verzichten. Darum werden hier, nach Absprache mit einem Arzt, kontrolliert alkoholische Getränke ausgeschenkt, in Mengen, die ebenfalls der Mediziner festlegt.


Zigaretten nur zur vollen Stunde
Es gelten klare Regeln: Hätten die Bewohner Bargeld, würden viele es für Alkohol ausgeben, darum verwaltet das Pflegepersonal die Barschaften. Bei wem der Arzt seine Zustimmung gegeben hat und wer es sich leisten kann, darf maximal drei Bier am Tag trinken. „Oft muss man diskutieren“, sagt Tillmann. „Einige verstehen nicht, warum sie selbst nur ein kleines Schnapsglas bekommen und jemand anders ein ganzes Bier. Da wird es auch schon mal laut.“


Der Alkohol ist im Zimmer der Pfleger eingeschlossen, nur hier wird er ausgeschenkt und jedes verabreichte Getränk in eine Liste eingetragen. Genau so ist es mit den Zigaretten, für fast alle Stations-Bewohner sind sie eine Art Ersatzdroge, ein Zettel an der Tür verrät: Zigarettenausgabe zu jeder vollen Stunde.


Die Abteilung für Suchtpatienten besteht seit 2006, Peter Grosch, der Vater von Thomas Grosch und Geschäftsführer der Evangelischen Suchtkrankenhilfe Mecklenburg, hat das Konzept gemeinsam mit Sozius entwickelt. Immer öfter traf er damals auf Menschen, die durch ihre Abhängigkeit zu Pflegefällen geworden waren und spezielle Hilfe benötigten. Heute gibt es 30 Plätze in der Abteilung, mehr sind laut Personalschlüssel bei der Anzahl der Pflegekräfte nicht möglich – füllen könnte Tillmann allerdings mehr Zimmer, immer wieder erreichen sie Anfragen nach freien Betten.


Das entspricht einem allgemeinen Trend: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen geht aufgrund verschiedener Studien davon aus, dass fast 27 Prozent der Männer und knapp acht Prozent der Frauen über 60 Jahren so viel Alkohol konsumieren, dass ihr Krankheitsrisiko stark steigt. Etwa drei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen leiden an einer Alkoholabhängigkeit, wobei die Dunkelziffer vermutlich höher liegt, da Senioren im Alltag wenig auffällig sind.


Sucht im Alter nimmt zu
Überhaupt spielen Suchtmittel im Alter eine wachsende Rolle: Mehr als zwei Millionen ältere Männer und Frauen rauchen, bei ein bis zwei Millionen Menschen weist der Gebrauch psychoaktiver Medikamente zumindest Gewohnheitscharakter auf. Viele Ärzte und Suchtexperten vermuten, dass das Thema Sucht im Alter durch die demografische Entwicklung künftig weiter an Bedeutung gewinnen wird.


„Am Fernsehturm“ konnten die Pfleger in den letzten Jahren aber auch Erfolge verzeichnen. Zwei ehemalige Bewohner, die wegen alkoholbedingter Pflegebedürftigkeit hier lebten, konnten in die Häuslichkeit zurückkehren. Sie wohnen in der Nähe des Heimes und kommen regelmäßig zu Aktivitäten her. Das Heim stellt weiterhin eine feste Bezugsgröße für sie da, aber sie können wieder auf eigenen Füßen stehen.


Und auch von denen, die noch im Heim leben – unter ihnen nur fünf Frauen – sind einige inzwischen „trocken“, wie der 68-jährige Hans G. Der Alkohol trat kurz nach der Arbeitslosigkeit in sein Leben, der Rollstuhlfahrer trank irgendwann so viel, dass er sich nicht mehr versorgen konnte. Jetzt, so sagt er, will er ein besserer Mensch werden – und sein Geld lieber für andere Dinge ausgeben.
Die Finanzen sind nicht selten der Grund dafür, warum der Alkohol unwichtiger wird, sagt Grosch: „Manche Bewohner sparen zum Beispiel auf einen Restaurantbesuch, den eine Kollegin einmal im Monat mit ihnen unternimmt oder sie wollen sich etwas kaufen. Dann kommt es vor, dass jemand lieber mal ein Bier weniger trinkt.“ Geredet wird im Heim viel, etwa in einer Morgenrunde, Alkohol ist aber so gut wie nie das Thema. Vielmehr wird über Tagesgeschehen oder Unternehmungen gesprochen. Die Sucht gerät in den Hintergrund. „Wir hatten auch schon das Glück, dass jemand einfach vergessen hat zu trinken“, erinnert sich Tillmann. „Und wir erinnern niemanden ans Trinken.“


Doch natürlich gibt es genügend Bewohner auf der Station, die sich sehr wohl an den Grund ihres Aufenthaltes erinnern. Wieder klopft es, ein Mann mit zerzaustem, grauem Haar steht vor der Tür zum Pflegerzimmer. Eine Zigarette und ein Bier hätte er gerne. Die Zigarette bekommt er, den Alkohol muss Grosch ihm mit bestimmter Stimme verwehren – der steht erst für den Abend wieder auf der Liste.


Daten über gesundheitlichen Nutzen von Rotwein gefälscht

Universität Connecticut entlässt den Wissenschafter Dipak Das

Farmington, Connecticut - Die aromatische Verbindung Resveratrol, ein Polyphenol, steht seit längerem im Fokus medizinischer Forschungen: Als Antioxidans könnte es nämlich unter anderem gegen Arteriosklerose, Herzerkrankungen oder gar Krebs wirken. Und enthalten ist es unter anderem in Rotwein. Besonders hoffnungsvolle Berichte über gesundheitsfördernde Eigenschaften des Rotwein-Wirkstoffs kamen in den vergangenen Jahren von Dipak Das, dem Leiter des kardiovaskulären Forschungszentrums der Universität Connecticut. Er publizierte unter anderem Forschungsergebnisse, nach denen sich auch Weißwein in Rattenversuchen als gesund fürs Herz erwiesen habe - und sogar Bier.

Das war dann aber offenbar doch zu schön, um wahr zu sein, berichtet der “New Scientist”: Nach einer dreijährigen Untersuchung, ausgelöst durch einen anonymen Hinweis, hat die Uni Connecticut Das der Datenfälschung für schuldig befunden. In einem 60.000-seitigen Bericht werden Das 145 Fälle von Fälschung vorgeworfen, von der Verzerrung statistischer Ergebnisse bis zur Manipulation von Bildern. Alle externen Forschungsgelder für Das’ Labor wurden eingefroren und ein Verfahren zu seiner Entlassung eingeleitet. (red Quelle derStandard 15.01.2012)


Drogenprobleme im Alter - Flucht in die Sucht

Aus Einsamkeit im Stillen trinken, aus Überforderung zu Tabletten greifen: Ältere Menschen haben zunehmend Drogenprobleme, vor allem, wenn sie alleinstehend sind. Die Suchtpolitik reagiert mit neuen Strategien. Diese sollen vor allem früh ansetzen - und so verhindern, dass Abhängigkeit überhaupt entsteht.

Immer mehr ältere Menschen in Deutschland sind Studien zufolge abhängig von Alkohol und Medikamenten. Die Bundesregierung will entsprechend diese Suchtprobleme nun stärker in den Fokus rücken. Im Alter sind viele allein - vor allem Frauen greifen in ihrer Einsamkeit häufig zu Tabletten. Der demographische Wandel sei eine neue Herausforderung für die Drogen- und Suchtpolitik, sagte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans am Mittwoch in Berlin. Immer mehr Menschen lebten allein; manche von ihnen seien damit überfordert. Dies führe auch zu einem problematischen Konsumverhalten, sagte die FDP-Politikerin. Vor allem ältere Frauen griffen, ob bei Schlafstörungen oder dem Verlust des Partners, zu Tabletten, sagte Dyckmans. Menschen, die zuvor keine Alkoholprobleme hatten, würden im Alter aus Einsamkeit “im Stillen trinken”, sagte Dyckmans. Schätzungen zufolge sollen bis zu 400.000 ältere Menschen Alkoholprobleme haben.
Betroffene schweigen oft. Da die Betroffenen in der Regel nicht von sich aus Hilfe suchten, müssten Altenpfleger für diese Probleme sensibilisiert werden, sagte die Drogenbeauftragte. Darüber hinaus würden auch Kokain- und Heroinabhängige aufgrund der besseren medizinischen Behandlung immer älter. Es müssten Regelungen gefunden werden, wo und wie diese Süchtigen gepflegt werden könnten. Insgesamt will die Bundesregierung die Prävention künftig stärker auf Risikogruppen ausrichten - statt “wie so oft in der Vergangenheit mit der Gießkanne” vorzugehen, wie Dyckmans erklärte. Das sieht die neue Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik vor, die das Bundeskabinett am Mittwoch billigte. Sie löst den “Aktionsplan Drogen und Sucht” von 2003 ab. Neben den Älteren sind unter den Zielgruppen junge Erwachsene, Schwangere und Migranten. Es müsse alles dafür getan werden, “dass Abhängigkeit gar nicht erst entsteht”, sagte Dyckmans. Ärzte müssten als Ansprechpartner gestärkt und die betriebliche Suchtprävention ausgebaut werden. Zu den Herausforderungen der Suchtpolitik zählte sie auch das Komasaufen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 39/2012