Nalmefen bei Alkoholabhängigkeit: Zusatznutzen ist nicht belegt

01.12.2014


Unterschiede bei Patienten und Behandlungszielen machen indirekten Vergleich schwer interpretierbar

Nalmefen (Handelsname Selincro) ist seit Februar 2013 für Personen mit Alkoholabhängigkeit zugelassen, die akut viel Alkohol trinken, aber keine körperlichen Entzugserscheinungen haben und keinen sofortigen Entzug benötigen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat in einer Dossierbewertung überprüft, ob der Wirkstoff bei dieser Patientengruppe gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie einen Zusatznutzen bietet.


Ein solcher Zusatznutzen ist demnach nicht belegt: Der Hersteller legt in seinem Dossier ausschließlich Daten für einen indirekten Vergleich mit der zweckmäßigen Vergleichstherapie Naltrexon vor, die jedoch ungeeignet sind. Patienten und Behandlungsziele unterscheiden sich in sechs von sieben Studien zu Naltrexon grundlegend von denen in den Nalmefen-Studien. In der siebten Studie wurde Naltrexon zeitweise nicht zulassungskonform eingesetzt und für relevante Zeiträume in der Studie fehlen Auswertungen.


Behandlungsziel: Alkoholkonsum reduzieren

Nalmefen ist für Personen mit Alkoholabhängigkeit zugelassen, die keine körperlichen Entzugserscheinungen haben und keinen sofortigen Entzug benötigen. Der Wirkstoff kommt für Personen infrage, die ihren akut hohen Alkoholkonsum (ca. drei Flaschen Bier bei Männern, ca. zwei Flaschen Bier bei Frauen) reduzieren möchten, das aber innerhalb von zwei Wochen nicht aus eigenem Antrieb schaffen. Nalmefen beeinflusst die Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn und soll so das Verlangen nach Alkohol dämpfen und bei alkoholkranken Männern und Frauen die Trinkmenge verringern. Gemäß Zulassung wird der Wirkstoff mit psychosozialer Unterstützung eingesetzt, beispielsweise kombiniert mit einer Beratung, einer Verhaltens- oder Psychotherapie.


Für das Anwendungsgebiet von Nalmefen hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Naltrexon als zweckmäßige Vergleichstherapie festgelegt. Dabei war die Arzneimittel-Richtlinie zu berücksichtigen, die die Anwendung von Nalmefen bei alkoholkranken Männern und Frauen vorsieht, die zu einer Abstinenztherapie hingeführt werden sollen, aber noch auf einen Therapieplatz warten müssen.


Indirekter Vergleich über Placebo

Weil keine direkt vergleichenden Studien von Nalmefen gegenüber Naltrexon vorliegen, führt der Hersteller in seinem Dossier einen adjustierten indirekten Vergleich an. Er schließt insgesamt elf Studien ein, bei denen der Wirkstoff jeweils mit einem Scheinmedikament (Placebo) verglichen wird. Das Placebo dient damit als sogenannter Brückenkomparator.


Vier Studien untersuchten die Wirkung von Nalmefen im Vergleich zu Placebo bei Alkoholabhängigen mit dem Ziel, den Alkoholkonsum zu reduzieren. Der Hersteller legt Auswertungen derjenigen Studienteilnehmer vor, die bis zum Studienstart weiterhin Alkohol auf mindestens hohem Risikoniveau tranken. Diese Patienten entsprechen der Fragestellung und die Daten wären grundsätzlich für einen indirekten Vergleich verwertbar.


Andere Patienten und andere Therapieziele in Vergleichsstudien

Sieben Studien haben die Wirkung von Naltrexon im Vergleich zu Placebo untersucht, in sechs davon waren allerdings Abstinenz und Rückfallprophylaxe die Behandlungsziele. Eingeschlossen waren in diese sechs Studien ausschließlich Patientinnen und Patienten, die vor Studienbeginn bereits mehrere Tage abstinent waren, also keinen Alkohol mehr tranken. Diese Patienten entsprechen allerdings nicht der Fragestellung für die Nutzenbewertung, die nun gerade Patienten betrachtet, die akut auf einem hohen Risikoniveau Alkohol trinken.


Ein Vergleich der Nalmefen-Patienten, die akut einen hohen Alkoholkonsum haben, mit den bereits abstinenten Naltrexon-Patienten ist auch mit Blick auf Outcomes wie eine Änderung des Trinkverhaltens nicht sinnvoll interpretierbar. So liefern diese Studien keine geeigneten Daten für den indirekten Vergleich von Nalmefen mit Naltrexon.


Die siebte Naltrexon-Studie ist nicht relevant, weil der Wirkstoff nicht über den gesamten Studienzeitraum zulassungsgemäß angewendet wurde und keine geeigneten Ergebnisse vorliegen. Damit liegen aus den sieben Naltrexon-Studien keine geeigneten Daten für den indirekten Vergleich vor und das Fazit des IQWiG lautet: Ein Zusatznutzen für Nalmefen ist nicht belegt.


G-BA beschließt über Ausmaß des Zusatznutzens

Die Dossierbewertung ist Teil des Gesamtverfahrens zur frühen Nutzenbewertung gemäß Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG), das der G-BA leitet. Nach der Publikation von Herstellerdossier und Dossierbewertung führt der G-BA ein Stellungnahmeverfahren durch, das ergänzende Informationen liefern und in der Folge zu einer veränderten Nutzenbewertung führen kann. Der G-BA trifft einen Beschluss über das Ausmaß des Zusatznutzens, der die frühe Nutzenbewertung abschließt.


Deutschland Alkohol-Nation

Übermäßiges Alkohol-Trinken fordert in Deutschland fast viermal so viele Opfer wie der Straßenverkehr. 2012 starben hierzulande 14.551 Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum. Das hat das Statistische Bundesamt anlässlich des Internationalen Weltdrogentages am 26. Juni ausgerechnet. Bei Verkehrsunfällen kamen im selben Jahr 3827 Menschen zu Tode, wie die Statistiker mitteilen.

Die Zahl der Alkoholtoten aus der Todesursachenstatistik herauszufinden, ist gar nicht so leicht. Die Wiesbadener mussten sich für ihre Zahl der Woche Rat bei einem Expertengremium holen. Das listet mehr als zwei Dutzend alkoholbedingte Todesursachen auf - von Alkoholgastritis bis Zirrhose.

Leberzirrhosen sind mit 7812 Fällen die häufigste Todesursache bei Alkoholikern. Am zweithäufigsten ist die Bauchspeicheldrüse betroffen. Aber auch Herzmuskel, Lunge oder Nervensystem können so stark geschädigt werden, bis sie versagen. Bei knapp 4000 Toten wird schlicht und einfach Abhängigkeitssyndrom als Ursache genannt - eine Diagnoseziffer, in der unspezifisch alle möglichen Alkohol-Folgeschäden verschlüsselt werden, bis hin zum Suizid.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) glaubt, dass die Zahl der Alkohol-Toten in Wahrheit weit höher liegt. Das Statistische Bundesamt zählt nur jene Todesfälle, bei denen der Arzt einen Zusammenhang mit Alkohol erkennt und auf dem Totenschein notiert hat.

Eine Studie der Universität Greifswald wählte 2002 einen weiteren Blickwinkel und kam auf fast 80.000 Alkoholtote pro Jahr. Egal ob knapp 15.000 oder 80.000: „Trinker und Raucher - das sind die Drogentoten in Deutschland. Danach kommt lange nichts", sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der DHS im westfälischen Hamm. „Deutschland ist ein führendes Land beim Alkohol-Konsum und daher auch eine Alkohol-Problem-Nation."

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird in Deutschland viel mehr getrunken als in anderen Ländern. Jeder Deutsche im Alter von über 15 Jahren konsumiert im Schnitt 11,8 Liter reinen Alkohol im Jahr, das entspricht rund 500 Flaschen Bier. Weltweit liegt der Alkoholkonsum mit 6,2 Litern an reinem Alkohol etwa halb so hoch. Auch in Europa wird weniger getrunken: 10,9 Liter reiner Alkohol pro Jahr.

Hauptursache ist für den Sucht-Experten Gaßmann der niedrige Preis: Deutschland sei eines der wenigen Länder, wo man sich für den Gegenwert eines Taschengeldes tottrinken könne. Auch drei weitere Punkte machen es seiner Ansicht nach den Süchtigen leicht: Alkohol sei an Kiosken und Tankstellen rund um die Uhr verfügbar. Hersteller dürften für Alkohol werben. Und der Jugendschutz stehe oft nur auf dem Papier.

An allen vier Stellschrauben könnte man drehen, wollte man erreichen, dass weniger Menschen an Alkohol sterben, glaubt Gaßmann: Steuern erhöhen, Werbung verbieten, kein Verkauf nachts und kein Alkohol für Jugendliche. „Ich bin sicher, wenn wir den gleichen Weg gingen wie beim Tabak, hätten wir bald weniger Alkoholtote."

Das würde vor allem Männern das Leben retten: Männer trinken laut WHO mehr als doppelt so viel wie Frauen - von den gut 14 500 Alkohol-Toten des Jahres 2012 waren laut Statistischem Bundesamt knapp 11 000 männlich.

Sorgen bereitet der Hauptstelle für Suchtfragen ein neues Konsummuster, vor allem bei Jugendlichen: unter der Woche kaum Alkohol, aber am Wochenende Komasaufen als Freizeitspaß. Laut WHO macht Bier in Deutschland mehr als die Hälfte des Konsums aus, gefolgt von Wein (28 Prozent) und harten Getränken (18 Prozent).

Laut Epidemiologischem Suchtsurvey haben 7,4 Millionen Erwachsene in Deutschland Alkoholprobleme: 4,02 Millionen weisen einen riskanten Alkoholkonsum auf, weitere 1,61 Millionen einen Alkoholmissbrauch, 1,77 Millionen Erwachsene sind alkoholabhängig.

Die gute Nachricht: Konsum und Todesfälle sind leicht rückläufig. Laut WHO lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in Deutschland vor zehn Jahren noch rund einen Liter höher. Und auch die Zeitreihe beim Statistischen Bundesamt zeigt, dass heute etwas weniger Menschen an alkoholbedingten Krankheiten sterben als vor zehn Jahren, wo es noch zwischen 16.000 und 17.000 Alkoholtote pro Jahr gab. Die WHO geht davon aus, dass der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland zukünftig sinkt.

Quelle: dpa, 25.06.2014


Eine Hauptursache für Krebs - Alkohol schädigt nachhaltig

Alkohol wird nicht erst gefährlich, wenn jemand davon abhängig ist. Ein Gesundheitsrisiko besteht schon lange vorher. Wer regelmäßig trinkt, sollte wissen: Schon geringe Mengen schädigen die Gesundheit des Körpers

Millionen Menschen in Deutschland gefährden sich durch Alkohol, Tabak und andere Drogen - nun will die Bundesregierung mehr Aufklärung und Beratung im Kampf gegen die Sucht. Dafür beschloss das Bundeskabinett eine “Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik”, die einen Aktionsplan von 2003 ersetzt.

Wie der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom Mai 2011 formuliert, herrscht in Deutschland “eine weit verbreitete unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor”. Dabei gelten laut dem Bericht 1,3 Millionen Menschen als alkoholabhängig, insgesamt sind 9,5 Millionen gefährdet, abhängig zu werden.

Die Deutschen trinken gerne und viel - doch schon regelmäßig geringe Mengen schädigen die Gesundheit des Körpers nachhaltig. “Als größte Gefahr des Alkoholkonsums sehen viele die Abhängigkeit”, sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. “Aber man muss sich klarmachen, dass die gesundheitlichen Schäden lange vorher beginnen”, betont die stellvertretende Geschäftsführerin. “Viele sagen: Ich bin doch nicht süchtig! Alkohol ist aber zum Beispiel auch eine der Hauptursachen für Krebs, das ist den meisten gar nicht bewusst.”

Das Risiko für eine alkoholbedingte Folgeerkrankung erhöhe sich bei Frauen bereits ab einem Konsum von 12 Gramm Alkohol pro Tag, was einem kleinen Glas Bier oder Wein entspricht, erläutert Bartsch. Für Männer seien es 24 Gramm täglich. Das gelte wiederum nur für gesunde Erwachsene und nicht für Jugendliche. “Unterhalb dieser Schwelle ist der Alkoholkonsum zumindest risikoarm - er ist aber nie risikofrei.”

Eine bestimmte Menge in einem bestimmten Zeitabschnitt gibt Bartsch zufolge nur wenig Anhaltspunkte für eine echte Alkoholsucht: “Die Abhängigkeit hat viele Faktoren, das ist sehr individuell.” Das soziale und kulturelle Umfeld beispielsweise spielten eine Rolle sowie die genetische Disposition. Die Suchtexpertin erläutert, dass zwei Gläser Wein am Abend nicht unbedingt körperlich abhängig machten: “Das passiert erst, wenn der Stoffwechsel des Körpers sich ganz auf den Alkohol einstellt und ohne nicht mehr richtig funktioniert.”

Die Gefahren sind trotzdem groß: “Wer jeden Tag trinkt, bleibt wahrscheinlich nicht bei ein oder zwei Gläsern am Abend. Es ist ein psychologischer Effekt, dass die Dosis erhöht wird”, sagt Bartsch. “Es kann sein, dass die zwei Gläser irgendwann nicht mehr reichen.” Sie rät deshalb dazu, zumindest zwei Tage in der Woche ganz auf Alkohol zu verzichten, weil der Konsum auch bei geringen Mengen leicht zu einer psychischen Abhängigkeit führen könne: “Man gewöhnt sich an den Konsum, man fängt an, in Situationen zu trinken, in denen man früher nichts getrunken hat.” Quelle:N24.de